Stehender Akt
Alberto Giacometti
1947/48
Als der Krieg 1945 zu Ende war, verließ Alberto Giacometti Genf und kehrte nach Paris zurück, wo er sich 1922 mit 21 Jahren niedergelassen hatte. Als wichtigste künstlerische Ausbeute seines vierjährigen «Exils» brachte er im Gepäck eine Reihe stehender Frauenfigürchen aus Gips mit, die so klein waren, dass er sie in Streichholzschachteln hatte verpacken können, Diese Figürchen bildeten den Ausgangspunkt für einen künstlerischen Neubeginn, dessen Ziel es war, mittels aufrecht stehender hieratischer Frauengestalten «die Totalität des Lebens » zu erfassen.1
Schritt um Schritt tastete sich der Künstler an dieses Ziel heran. Bis 1950 entstanden unzählige Zeichnungen und zeichnungshaft ausgeführte Bilder, die einzelne stehende Frauengestalten darstellen. Die Tatsache, dass diese Figuren oft auffallend große Füße haben oder auf einem mächtigen Sockel stehen, weist darauf hin, dass es sich um Studien für noch zu schaffende Skulpturen handelt. In der Tat entstanden gleichzeitig auch erste plastische Darstellungen von stehenden Frauengestalten, alle mit spindeldürren Körpern und dicht an den Leib gelegten Armen. Sind einige davon mehr als lebensgroß, so erreichen die meisten von ihnen - darunter auch das vorliegende Figürchen - kaum mehr als 30 cm Höhe, was sie noch zerbrechlicher und verletzlicher erscheinen lässt.
Dass dem Künstler viele dieser Plastiken so klein und dünn gerieten, erklärte er später so: «Bis zum Krieg glaubte ich, dass ich die Leute in natürlicher Größe in der gegebenen Distanz sah. Dann merkte ich, dass ich sie viel kleiner sah - auch wenn sie nah waren. Die ersten Male, als mir das bewusst gemacht wurde, war ich auf der Straßse. Es verblüffte mich, aber ich gewöhnte mich daran. [... ). Jedesmal musste ich mich wieder an den Raum gewöhnen, die Distanzen wieder abmessen, die zwischen mir und den Dingen lagen ... »2 Dieses elementare Wahrnehmungsproblem ist eine der Grundlagen von Giacomettis Kunst, und es erklärt auch, weshalb alle seine Plastiken von einer Aura des Fernen und Unnahbaren umgeben sind. Diese Figuren sind Fernbilder, die, weil sie aus der Distanz wahrgenommen sind, im Gesichtsfeld klein und schattenhaft erscheinen. Weil wir jedoch wissen, dass sie in Wirklichkeit viel grösser sind, geht von ihnen gleichzeitig etwas geradezu Monumentales aus. Diese irritierende Art der Wirklichkeitsaneignung verbindet Giacomettis Kunst mit der Philosophie des Existenzialismus, der sich damals in Paris gerade auszubreiten begann.
1 Näheres dazu bei Valerie J.Fletcher im Alusst. - Kat. Augusto Giacometti, Kunsthalle Wien 1996, S. 53 ff.
2 Zitiert nach Reinhold Hohl , Alberto Giacometti, Stuttgart 1971, S. 276.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 330, Nr. 72.
