Landschaft
Alberto Giacometti
1952
Von Giacometti gibt es vergleichsweise wenige Landschaften. Der Großteil entsteht im Bergeller Dorf Stampa, wo er aufwächst und wo er auch nach seiner Übersiedlung nach Paris 1922 fast jeden Sommer verbringt. Häufig malt er auch im höher gelegenen Engadiner Dorf Maloja, wo die Familie Giacometti ein Sommerhaus besitzt. Bei dieser nahezu abstrakt anmutenden Landschaft, die Giacomettis Nähe zur zeitgenössischen informellen Kunst erkennen lässt, handelt es sich vermutlich um eine Ansicht in der Gegend von Maloja. Ähnlich wie bei seinen entmaterialisierten Figuren spiegeln auch seine Landschaftsdarstellungen die ruinöse Welt nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs wider. Es geht um Versehrtheit, die sich bei Giacometti primär durch die Verweigerung von Buntheit und nervöse, fahrige Pinselstriche manifestiert.
There are comparatively few landscapes by Giacometti. He painted most of them in the village of Stampa in the Val Bregaglia, where he had grown up and where he also spent almost every summer after he had moved to Paris in 1922. Frequently he also worked in the Engadin village of Maloja, located at a higher altitude, where the Giacometti family owned a summer cottage. The present landscape, which seems almost abstract and reveals Giacometti’s affinity for contemporary informal art, was very probably painted in the region around Maloja. Similar to his dematerialised figures, his landscapes reflect the ruined world after the catastrophe of World War II. They deal with the theme of mutilation, which in Giacometti’s painting primarily manifests itself in a renouncement of colours and a nervous, agitated brushwork.
Rahmenaußenmaß: 65,3 x 72 x 5,5 cm
Der künstlerische Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg führte Alberto Giacometti auch zu einem Darstellungsmittel zurück, das er während seiner surrealistischen Zeit stark vernachlässigt hatte: der Malerei. Im Gegensatz zu seinem plastischen Schaffen stellt er in den Bildern nicht nur Figuren dar, sondern widmet sich auch anderen Themenbereichen wie dem Interieur, dem Stillleben und der Landschaft.
Die meisten seiner Landschaftsbilder malte Giacometti im Bergeller Dorf Stampa, wo er aufgewachsen war und wo er auch nach seiner Niederlassung in Paris 1922 fast jedes Jahr den Sommer verbrachte. Einige dieser Landschaften - unter ihnen wohl auch das vorliegende Beispiel aus dem Jahr 1952 - müssen dagegen im höher gelegenen Engadiner Dorf Maloja entstanden sein, wo die Familie Giacometti ein Sommerhaus besaß.
Von Maloja aus führt die Straße aus der Engadiner Hochebene in steilen Serpentinen durch das Bergell hinunter nach Italien. Viel zu erkennen ist von dieser Landschaft auf dem vorliegenden Bild allerdings nicht. Scheint rechts der Giebel eines Hauses in die Fläche zu ragen, so stellt die runde Form in der Bildmitte wohl einen Busch oder einen Baum dar. Mit der nach links geneigten Stange kann dagegen nur jener Telefonmast gemeint sein, der auf einer alten Photographie klar zu erkennen ist.
Giacometti hat dieses Bild wohl von einem Fenster aus gemalt, wobei er es nicht bei einer einzigen Fassung bewenden ließ. Der gleiche Ausblick erscheint noch auf mindestens drei weiteren Bildern mit unterschiedlichen Formaten, die ebenfalls im Sommer 1952 entstanden sein müssen.l
Der Malstil ist in allen diesen Bildern der gleiche. Das Zeichnerische und Nervöse der Pinselschrift und die fast gänzliche Reduktion der Palette auf verschiedene Grautöne verleihen ihnen etwas Grisaillehaftes. Nirgendwo ist Alberto Giacomettis Nähe zur zeitgenössischen informellen Kunst deutlicher zu spüren als in diesen nahezu abstrakt anmutenden Landschaftsbildern.
1 Zwei dieser Bilder sind - unter dem falschen Titel Paysage à Stampa- reproduziert bei: Yves Bonnefoy, Alberto Giacometti: biographie d´une œuvre, Paris 1991, S. 468 und S. 484 . Die dritte mir bekannte Fassung publizierte 1962 die Zeitschrift DU (Sondernummer Alberto Giacometti, Februar 1962, S. 39).
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 334, Nr. 74.
