Schmale Büste auf Sockel (Amenophis)
Alberto Giacometti
1954
Die Büste verweist auf Giacomettis Beschäftigung mit der altägyptischen Kunst und gleichzeitig auf ein künstlerisches Problem, mit dem er sich besonders intensiv auseinandergesetzt hat: der Wahrnehmung von Volumen. Mit einem formal ungewöhnlichen Konzept – der flache, scheibenförmige Kopf sitzt rechtwinkelig auf dem ebenso flachen Oberkörper – löst Giacometti verblüffende Effekte aus: Während der Kopf bei frontaler Ansicht extrem schmal wirkt, erscheint der Oberkörper breit und massig. Von der Seite betrachtet kehren sich die Verhältnisse um; der Kopf mit dem markanten, messerscharfen Profil beansprucht mehr Raum als der schmale Oberkörper.
This bust betrays Giacometti’s interest in ancient Egyptian art and simultaneously visualises an artistic problem he was preoccupied with: the perception of volume. By resorting to a formally unusual concept – a flat, disc-shaped head supported at a right angle on an equally flat bust – Giacometti achieved perplexing effects: whereas the head seems extremely narrow when viewed frontally, the bust appears to be wide and bulky. However, when the work is viewed from the side, the situation is reversed, with the strikingly sharp profile of the head being much more voluminous than the slender upper body.
Dass diese hochinteressante Plastik im Untertitel den Namen eines Pharaos trägt, ist ein klarer Hinweis darauf, wie intensiv sich Alberto Giacometti damals mit der altägyptischen Kultur auseinandergesetzt haben muss. Das ungewöhnliche formale Konzept - ein scheibenförmiger Kopf, der quer auf einem ebenso flachen Oberkörper sitzt - bezieht sich wohl auf die verblüffende Beobachtung, dass auf den altägyptischen Reliefs und Wandmalereien der Körper einer Figur oft von vorne, ihr Kopf dagegen von der Seite wiedergegeben ist und dass sowohl Kopf wie Körper ausgesprochen flach und immateriell wirken.
Das vorliegende Werk stellt sozusagen den Versuch dar, dieses altehrwürdige Gestaltungsprinzip ins Dreidimensionale zu übertragen. So paradox diese Idee auf den ersten Blick anmuten mag, ihre Umsetzung löst einen höchst verblüffenden Effekt aus. Da die Scheiben von Körper und Kopf im rechten Winkel zueinander stehen, suggerieren sie trotz ihrer extremen Flachheit Raum, und obschon sie fast schwerelos erscheinen, sind sie über den massiven quaderförmigen Sockel fest mit dem Grund verbunden. Für diese Plastik saß dem Künstler ohne Zweifel sein Bruder Diego Modell, der seit 1951 sein wichtigstes männliches Modell war und der ihm in der Folge auch unschätzbare Dienste bei der Realisierung der Plastiken leistete: Bis weit über Alberto Giacomettis Tod hinaus überwachte er das Gießen der Figuren und deren Patinierung.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 336, Nr. 75.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/305651/schmale-buste-auf-sockel-amenophisImage Request