Egon Schiele, "Die Tür in das Offene!", Inv. Nr.: 31160
"Die Tür in das Offene!"
Egon Schiele, "Die Tür in das Offene!", Inv. Nr.: 31160
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

"Die Tür in das Offene!"

Egon Schiele

21. April 1912




Am Anfang seiner Haft, in der Schiele nicht weiß, welche Anklage gegen ihn vorgebracht werden würde, vergewissert sich der Künstler des Raums, der ihn gefangen hält (Inv. 31032, Inv. 31025, Inv. 31160): Es entstehen realistische und perspektivisch korrekte Interieurs der Neulengbacher Gefängniszelle und des Gefängnisganges mit Besen, Waschtrögen und einer kargen Petroleumlampe. Auch den Blick auf die verschlossene, schwere Holztüre ins Freie gibt Schiele wieder: Das vergitterte Fenster gibt den Blick auf einen noch blätterlosen Baum frei, in dem Meisen den Frühling willkommen heißen.

Schiele akzentuiert die Bleistiftzeichnungen nur äußerst sparsam. Hätte der Künstler die Blätter nicht mit den pathetischen Titel versehen, würde nichts auf die zunehmende Verunsicherung und die Qual der Isolation hinweisen.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date21. April 1912
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Aquarell auf Strathmore Japanpapier, grundiert
Dimensions48,3 × 32 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number31160
Inscribedl.u. "Die Tür in das Offene!"
Signedl.u. "EGON / SCHIELE / 21.IV.12"
Text

Am 13. April 1912 wurde Egon Schiele – für ihn völlig überraschend – wegen der angeblichen Entführung und Schändung des 13-jährigen Mädchens #Tatjana Georgette von Mossig in Untersuchungshaft genommen und am 30. April ins Kreisgericht St. Pölten überstellt.

Auch wenn die Vorwürfe der Entführung einer Minderjährigen als haltlos fallengelassen werden mussten und Schiele schließlich wegen der Verbreitung unsittlicher Zeichnungen, die in seinem Atelier von Kindern gesehen werden konnten, zu insgesamt nur 24 Tagen Haft verurteilt wurde, erlebte der Künstler diese relativ kurze Zeit der Inhaftierung als einen tiefgreifenden und verletzenden Eingriff in seine Existenz. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Schiele bis zu seiner Überstellung ans Kreisgericht in St. Pölten und der offiziellen Anklageerhebung am 30. April nicht wusste, was letzten Endes gegen ihn vorgebracht werden würde, und ob er nicht Strafen von sechs Monaten für die „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ oder gar von 20 Jahren wegen „Schändung“ zu gewärtigen hätte.

 

Die überlieferten 13 Arbeiten, die Schiele zwischen dem 19. und 27. April angefertigt hat, verdeutlichen die dramatisch zunehmende Angst vor einer harten Verurteilung. Nachdem ihm seine Lebensgefährtin #Wally Zeichenmaterial gebracht hatte, schuf Schiele die erschütternden Zeugnisse einer völligen Zerrüttung und zunehmenden Panik.

 

Die Albertina besitzt die zehn bedeutendsten Gefängniszeichnungen (Inv. 31032, Inv. 31025, Inv. 31160, Inv. 31029, Inv. 31030, Inv. 31031, Inv. 31162, Inv. 31161, Inv. 31027, Inv. 31026). Am Anfang vergewissert sich der Künstler des Raums, der ihn gefangen hält: realistische und perspektivisch korrekte Interieurs der Neulengbacher Gefängniszelle (Inv. 31032), des Gefängnisgangs mit den Besen und Waschtrögen, der kargen Petroleumlampe, die in der Nacht die einzige Lichtquelle gewesen ist (Inv. 31025). Schließlich noch der Blick auf die verschlossene schwere Holztür ins Freie (Inv. 31160): Das vergitterte Fenster gibt den Blick auf einen noch blätterlosen Baum frei, in dem Meisen den Frühling willkommen heißen.

 

Schiele akzentuiert die Bleistiftzeichnungen nur äußerst sparsam. Wären nicht die zum Teil trivial-pathetischen Beschriftungen mit den Tagesdatierungen, nichts deutete auf die sich anbahnende Qual der Isolation. Im frühesten Blatt (Inv. 31032) wird der von #Wally mitgebrachten Orange symbolisch eine seltsame Lichtmetaphorik zugeschrieben. Die Besen und Wassertröge des Gefängnisgangs (Inv. 31025) verleihen der Zeichnungsinschrift: „Nicht gestraft, sondern gereinigt fühl ich mich!“ etwas unfreiwillig Komisches, doch lässt die hohe Qualität der Zeichnungen die Inkongruenz der Stilhöhe zwischen Text und Bild schnell vergessen.

 

Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 206-208.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 1181
  • Bibliography
  • AK Albertina 1948, Nr. 167
  • AK Albertina 1959 a, Nr. 65
  • Comini 1964, Abb. 5, S. 128
  • AK New York 1965, Nr. 22, Abb.
  • Comini 1973, Tafel III, Abb. 27 (1974, Abb. 88)
  • AK München 1975, Nr. 168, Abb.
  • Nebehay 1979, Abb. 83
  • AK Brüssel 1981, Nr. 62, Abb.
  • Malafarina 1982, S. 73
  • Arnold 1984, S. 28
  • Nebehay / Müller 1990, Tafel 3
  • AK Albertina 1990, Nr. 90, Abb.
  • Steiner 1991, S. 51
  • Fischer 1994, S. 28
  • Wischin 1998, S. 43
  • AK Mailand 2000, S. 84, Abb.
  • Kallir 2003, S. 207
  • AK Amsterdam 2005, S. 83, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 108
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 91
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 105 (in spanischer Sprache)
  • Provenance
  • seit mind. 1922 Heinrich Benesch (1862-1947), Wien
  • Otto Benesch (1896-1964), Wien
  • 1951 Albertina, Wien (erworben von Otto Benesch, Wien)

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    Last edited22.09.2023