Alcon befreit seinen Sohn von der Schlange
Hans Wechtlin
um 1510-1512
Das Thema dieses Clair-obscur-Holzschnitts von Hans Wechtlin erklärt das lateinische Distichon (Doppelvers) auf dem Inschrifttäfelchen, das in Übersetzung (nach Reichel 1926, S. 54) lautet: »Den Alcon quält die Liebe zu seinem Sohne, und gleichzeitig die schaurige Schlange; aber trotz seiner Erregung befreit er durch seine wunderbare Kunst (seinen Sohn) und tötet (die Schlange).« Alcon war ein kretischer Bogenschütze und Begleiter des Herakles, der Ringe von den Köpfen verschiedener Menschen schoss. Die lateinische Inschrift spielt auf die von Valerius Flaccus in der Argonautica (Buch I, 398ff.) erwähnte Sage an, der zufolge Alcon eine um seinen Sohn sich ringelnde Schlange durch einen Pfeilschuss erlegte, ohne ihn zu verletzen. Gewiss waren nur wenige Gebildete mit diesem ausgefallenen Sujet vertraut, und somit war der Clair-obscur-Holzschnitt wohl für einen kleinen Kreis humanistisch gelehrter Kunstliebhaber bestimmt.
Das Blatt schließt stilistisch eng an Orpheus und Ritter und Landsknecht an (Inv. DG1949/649, Inv. DG1949/653), doch wirkt die Landschaft weiter und raumhafter, zumal nun ein Weg schräg den Vordergrund durchquert und den Blick in die Tiefe führt. Es finden sich auch erstmals Berg und Wolkenformationen, die aus der Tonplatte ausgeschnitten sind. Während Cranach in den Hintergründen des Christophorus (Sammlung Baselitz, Wien 2013, Kat. 5, 6) und der Venus und Amor (Wien 2013, Abb. 8) die Strichplatte zur Vervollständigung der Formen mitverwendete, verzichtete Wechtlin auf derartige Akzentuierungen und kommt darin Burgkmairs Georg in dem hier ausgestellten späteren Zustand (Sammlung Baselitz, Wien 2013, Kat. 1) näher. Die Andeutung der Gräser durch bogenartig geschnittene Lichthöhungen lässt gleichwohl einen Einfluss von Cranachs Clair-obscurs wie der Ruhe auf der Flucht nach Ägypten (Inv. DG1929/119) spüren.
In der Darstellung des bogenschießenden Alcon ist bereits eine meisterhafte Beherrschung der neuen Technik festzustellen. Durch den raffinierten Wechsel zwischen den Linien der Strichplatte, der Lichthöhung und der Farbe der Tonplatte vermag der Künstler zwischen dem dichten Laub der Bäume und den rohen Steinblöcken im Vordergrund zu differenzieren oder die Spiegelung auf dem Wasser festzuhalten. Die kraftvoll und kompakt gestalteten Körper setzen sich wirkungsvoll von der Umgebung ab, wobei die schwarzen Konturen an den vom Licht bestrahlten Partien teilweise aussetzen. Die Darstellung wird nicht durch die Linienplatte allein verständlich, sondern ergibt nur durch den Zusatz der Tonplatte ein vollständiges Bild. Charakteristisch für Wechtlins Stil ist dabei eine Verdichtung des schwarzen Liniengeflechts bis hin zu fast homogenen Flächen in den verschatteten Partien, wie dies unterhalb des Kindes oder im Dickicht der Baumgruppe zu erkennen ist. Die Bewegungen der Figuren wirken nun fließender und geschmeidiger als die des Orpheus und nähern sich darin Wechtlins Blatt Pyramus und Thisbe (Bartrum 1995, Kat. 50) an, das aufgrund der vergleichbaren Bildmotive und dem ähnlichen kompositionellen Aufbau fast als Pendant zum Alcon aufzufassen ist.
Während für Pyramus und Thisbe ein Kupferstich gleichen Themas von Marcantonio Raimondi (B. XIV, S. 322, Nr. 242) als Vorlage gedient hat, sind die Inspirationsquellen bei dem vorliegenden Druck noch unzureichend geklärt. Gewiss waren hier ebenfalls italienische Vorbilder wirksam. So erinnert die Pose des Alcon an den Bogenschützen links in Pollaiuolos Kupferstich Kampf der nackten Männer (B. XIII, S. 202f., Nr. 2), und möglicherweise war Wechtlin auch der anonyme Kupferstich Herkules mit der Hydra nach Mantegna (Abb. 11; B. XIII, S. 237, Nr. 15) bekannt. Die Landschaft zeigt dagegen eine weitläufige Beeinflussung von Druckgraphiken Dürers aus der zweiten Hälfte der 1490er Jahre, wie dem Kupferstich Herkules am Scheideweg (B. 73).
Literatur: Loedel 1863; Nagler 1858–1879, Bd. 4, 1871, S. 74, Nr. 9 (Hans Ulrich Pilgrim?); Seibt 1891, S. 31; Reichel 1926, Taf. 16; Geisberg 1930, Nr. 1493; Karlsruhe 1959, Nr. 336; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 35; Strauss 1973, Nr. 26; Geisberg und Strauss 1974, Bd. 4, S. 1455; The Illustrated Bartsch, Bd. 13, S. 34; Hébert 1982, Nr. 1410; Tokio 2005, Kat. 8; Klein 2006–2007, Bd. 1, S. 25ff., Bd. 2, Ill. 54
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