Kreuzigung Christi
Hans Wechtlin
um 1510-1512
Hans Wechtlin stellte in seinen Clair-obscur-Holzschnitten neben antikisch-mythologischen und profanen Themen auch religiöse Inhalte dar. Seine Kreuzigung Christi im Beisein der Trauernden Maria, Johannes und Magdalena vor weitem Landschaftshintergrund folgt der traditionellen Behandlung dieser Darstellung, wie diese auch Martin Schongauer in einem Kupferstich (Colmar 1991, K 92) oder Lucas Cranach in einem Holzschnitt (B. VII, S. 281, Nr. 21) – beide aber ohne die Gestalt Magdalenas – wiedergeben. Wechtlin hält allerdings den Moment fest, als Finsternis über das ganze Land hereinbricht, und steigert durch das kontrastreiche Helldunkel die dramatische Stimmung des Ereignisses ähnlich wie Baldung in seinem etwa gleichzeitigen Clair-obscur-Holzschnitt der Kreuzigung (Inv. DG1931/104).
Das Schwarz der Strichplatte dient Wechtlin einerseits zur linearen Beschreibung der Bildmotive, andererseits kommt ihm auch ein eigener Farbwert zu, da der obere Bereich des Himmels vollflächig dunkel gedruckt ist. Die Engelsköpfe zeichnen sich in dünnen Umrissen hell vor der homogenen schwarzen Fläche ab. Wechtlin orientiert sich dabei an der Wirkung eines Weißschnitts, bei dem die Darstellung vertieft in den Holzstock geschnitten wird, um im Druck in hellen Linien vor schwarzem Grund zu erscheinen. Die Kreuzigung umgibt eine aus vier Einzelsegmenten zusammengesetzte architektonische Rahmung. Sie ist besonders aufwendig mit spätgotischem Maßwerk und Rankenwerkdekor gestaltet. Am unteren Rand schließt der Rahmen mit einem verkürzten Sockel, auf dem sich zwei Engel tummeln. Die Rahmenleisten wurden unabhängig von der zentralen Darstellung gedruckt und konnten mit anderen Leisten kombiniert oder ganz durch andere ersetzt werden. Wechtlin verwendete sie auch beim Sebastian und der Muttergottes mit Kind, welche die gleiche Größe wie die Kreuzigung oder der Hieronymus (B. VII, S. 450, Nr. 4) haben. Diese religiösen Szenen wurden somit vermutlich als Serie konzipiert, für die sich die gleichen Rahmen verwenden ließen. Diese steigern die prachtvolle Wirkung der zentralen Szenen und geben ihnen einen bildmäßigen repräsentativen Abschluss.
Derartige Kombinationen aus vier verschiedenen Rahmenleisten sind in dieser Zeit häufig als Einfassungen bzw. Bordüren von Buchtitelblättern anzutreffen. Eine vergleichbare als Clair-obscur-Holzschnitt gestaltete Titeleinfassung von Baldung erscheint in dem 1511 in Straßburg bei Joh. Schott gedruckten Buch von Johannes Lupus, De libertate ecclesiastica (Karlsruhe 1959, II B, XI.1). Von Hans Wechtlin selbst stammt eine andere Bordüre, die zur Titelverzierung von Mathias Schürers 1515 in Straßburg gedrucktem Werk Ottonis, Phrisingi Episcopi (Klein 2006–2007, Bd. 2, Ill. 56) gedient hat. Von der Kreuzigung wie auch von einigen anderen Clair-obscur-Holzschnitten Wechtlins existieren Exemplare, die in drei Platten gedruckt wurden. Bei diesen wurde die vormalige schwarze Strichplatte eingefärbt und eine neue schwarze Linienplatte geschnitten, mit der einige zusätzliche Elemente wie das »INRI« über dem Kreuz oder ein Strauch am linken Rand der Darstellung hinzugefügt wurden (Klein 2006–2007, Bd. 2, Ill. 44a; auf dem Exemplar des British Museum fehlt der Strauch). Andere Elemente wie die Engelsköpfe unterhalb des Kreuzbalkens sind aber nicht mehr sichtbar, und somit handelt es sich bei den Drucken von drei Holzstöcken gewiss um spätere Zustände. Die Zusätze mit der schwarzen Strichplatte sind teilweise ungeschickt und keinesfalls als künstlerische Verbesserungen der Komposition aufzufassen. A. Klein (2006–2007, Bd. 1, S. 88) hat überzeugend geschlossen, dass die Hinzufügung einer dritten Platte nicht von Wechtlin selbst stammt und vermutlich zu einem etwas späteren Zeitpunkt geschah. In den Drucken dieser späteren Zustände fehlen zudem die Rahmenleisten, die lediglich aus zwei Blöcken bestehen und sich daher nicht mehr für eine Kombinierung eigneten.
Literatur: Loedel 1863; Nagler 1858–1879, Bd. 4, 1871, S. 74, Nr. 1 (Hans Ulrich Pilgrim?); Seibt 1891, S. 31; Reichel 1926, Taf. 19; Geisberg 1930, Nr. 1482; Paris und Rotterdam 1965–1966, Nr. 32; Strauss 1973, Nr. 19; Geisberg und Strauss 1974, Bd. 4, S. 1444; The Illustrated Bartsch, Bd. 13, S. 27; Tokio 2005, Kat. 5; Klein 2006–2007, Bd. 1, S. 25ff., Bd. 2, Ill. 44
