Bildnis eines 93-jährigen Mannes (Studie für das Gemälde "Der Heilige Hieronymus")
Albrecht Dürer
1521
Die Arbeit am Bildnis des heiligen Hieronymus wurde von mehreren Hell-Dunkel-Studien (Inv. 3168, Inv. 3175, Inv. 3176) auf grauviolett grundiertem Papier begleitet, in denen Dürer seine Bildidee in höchster Präzision ausarbeitete. Eines dieser Blätter ist diese Kopfstudie, auf der Dürer selbst vermerkte, dass es sich bei dem Dargestellten um einen noch gesunden, 93-jährigen Mann aus Antwerpen handelt. Die wohl auf einem spontanen Porträtentwurf beruhende Pinselzeichnung bot Dürer nicht nur die Möglichkeit, malerische Werte und kompositorische Lösungen auszuloten. Mit den Blättern, die als Teil des Fundus seiner Werkstatt diese nie verließen, dokumentierte er gleichzeitig für sich und seine Mitarbeiter seine eigene Arbeit.
Dürer’s work on his Portrait of Saint Jerome was accompanied by several chiaroscuro studies (Inv. 3168, Inv. 3175, Inv. 3176) on grayish violet primed paper in which the artist worked out his pictorial idea with a high degree of precision. One of them is this study of a head on which the artist himself noted that his model was an absolutely robust 93-year-old man from Antwerp. The brush drawing was probably modeled after a spontaneous portrait sketch and offered Dürer not only the opportunity to explore painterly values and compositional solutions. He also documented his own work for himself and his assistants with such drawings, which remained archived in the workshop for future reference.
Rahmenaußenmaß 63,9 × 49,9 × 4,5 cm
Dürers Bemühungen um die Bewilligung der kaiserlichen Rente durch #Karl von Burgund erforderten ein gewisses Maß an Beharrlichkeit und Geduld. Von Antwerpen aus reiste Dürer nach Mecheln und Brüssel, um der Statthalterin der Niederlande und Tante des Königs bzw. Tochter Maximilians I., #Margarethe von Österreich, das Bittgesuch zur Weiterleitung übergeben zu lassen. Dann begab er sich nach Aachen, wo er als Abgesandter der freien Reichsstadt Nürnberg der Krönung Karls von Burgund zum römischen König beiwohnte. Anschließend folgte Dürer dem königlichen Tross nach Köln, wo er das gewünschte Bewilligungsschreiben schließlich erhielt. An all diesen Stationen der Reise hatte Dürer ausschließlich gezeichnet, vor allem Porträts und Stadtansichten. Doch schließlich nach Antwerpen zurückgekehrt, um dort den Winter zu verbringen, fand er auch wieder Zeit, ein Gemälde zu schaffen.
1521 führte Dürer in Antwerpen das kleine Andachtsbild "Der hl. Hieronymus" für Rui Fernandes de Almada, einen Gesandten des portugiesischen Königs, aus. Zu dem Gemälde, das sich heute im Museu Nacional de Arte Antiga in Lissabon befindet, sind in der Albertina vier Vorstudien erhalten, darunter die Studienblätter zu einem Lesepult (Inv. 3176) und einem Totenschädel, eine Hand- bzw. Armstudie und die vorliegende Studie zum Kopf des Heiligen. Diese wiederum beruht auf einer Porträtzeichnung, die Dürer von einem 93-jährigen Mann aus Antwerpen angefertigt hat. Diese Zeichnung befindet sich heute im Kupferstichkabinett in Berlin, wobei aber Dürer die Angaben zu Alter und Herkunft des alten Mannes nahe dem oberen Rand der Albertina-Zeichnung notiert hat.
Wie die Berliner Zeichnung ist auch das Wiener Blatt auf grau grundiertem Papier gezeichnet. Der Künstler geht mit höchster Präzision, aber dennoch diskret und einfühlsam den Spuren des Alters nach. Mit feinem Pinsel und unter Einbeziehung der weißen Deckfarbe hat er die Barthaare differenziert, die Falten auf der Stirn und unter den Augen studiert und den eher grimmigen Gesichtsausdruck des Alten auf dem Berliner Blatt in Richtung eines kontemplativen, weisen Mannes verändert. Mit im Unterschied zur Berliner Zeichnung gesenkten Lidern und nachdenklichem Ausdruck stützt der Alte das Haupt in seine Hand. Letzteres ist ein seit Dürers Frühwerk immer wiederkehrendes Motiv, das dann in dem Meisterstich "Melancholie" als Metapher für die Triebkraft von Genialität und geistigem Schöpfertum wohl seine eindrucksvollste Darstellung erfahren hat.
Im Gemälde hingegen findet der Heilige wiederum den Blick des Betrachters und sieht ihn direkt an. Indem er mit dem Finger auf einen Totenschädel zeigt, verweist er auf die Vergänglichkeit und Flüchtigkeit der menschlichen Existenz. Hieronymus ist hier im Gegensatz zu einer anderen Darstellungstradition nicht als Einsiedler mit dem Attribut des Löwen dargestellt, sondern als Gelehrter und Patron der Humanisten und Übersetzer. Nicht zuletzt ließ sich wohl auch das bereits in der Naturstudie anklingende Streben nach einer möglichst wirklichkeitsnahen und naturgetreuen Darstellung nicht mit einer in der Realität unmöglichen Paarung von Mensch und Raubtier vereinbaren.
Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 13.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/13507/bildnis-eines-93jahrigen-mannes-studie-fur-das-gemalde-deImage Request