Albrecht Dürer, Bildnis eines 93-jährigen Mannes (Studie für das Gemälde "Der Heilige Hieronymu…
Bildnis eines 93-jährigen Mannes (Studie für das Gemälde "Der Heilige Hieronymus")
Albrecht Dürer, Bildnis eines 93-jährigen Mannes (Studie für das Gemälde "Der Heilige Hieronymus"), Inv. Nr.: 3167
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Bildnis eines 93-jährigen Mannes (Studie für das Gemälde "Der Heilige Hieronymus")

Albrecht Dürer

1521




Die Arbeit am Bildnis des heiligen Hieronymus wurde von mehreren Hell-Dunkel-Studien (Inv. 3168, Inv. 3175, Inv. 3176) auf grauviolett grundiertem Papier begleitet, in denen Dürer seine Bildidee in höchster Präzision ausarbeitete. Eines dieser Blätter ist diese Kopfstudie, auf der Dürer selbst vermerkte, dass es sich bei dem Dargestellten um einen noch gesunden, 93-jährigen Mann aus Antwerpen handelt. Die wohl auf einem spontanen Porträtentwurf beruhende Pinselzeichnung bot Dürer nicht nur die Möglichkeit, malerische Werte und kompositorische Lösungen auszuloten. Mit den Blättern, die als Teil des Fundus seiner Werkstatt diese nie verließen, dokumentierte er gleichzeitig für sich und seine Mitarbeiter seine eigene Arbeit.



Dürer’s work on his Portrait of Saint Jerome was accompanied by several chiaroscuro studies (Inv. 3168, Inv. 3175, Inv. 3176) on grayish violet primed paper in which the artist worked out his pictorial idea with a high degree of precision. One of them is this study of a head on which the artist himself noted that his model was an absolutely robust 93-year-old man from Antwerp. The brush drawing was probably modeled after a spontaneous portrait sketch and offered Dürer not only the opportunity to explore painterly values and compositional solutions. He also documented his own work for himself and his assistants with such drawings, which remained archived in the workshop for future reference.



Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1521
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesPinsel in Schwarz und Grau, mit Deckweiß gehöht, auf grauviolett grundiertem Papier
Dimensions41,5 × 28,2 cm
Rahmenaußenmaß 63,9 × 49,9 × 4,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number3167
InscribedM.o. "Der man was altt 93 jor vnd noch gesunt vnd fermuglich zw antorff"
Signedl. o. ".1521 " und Dürer-Monogramm "AD"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
WatermarkWappen mit drei Lilien und angehängtem "E" (Briquet 1814 [nachgewiesen in Amsterdam 1514 und in Maastricht zwischen 1508 und 1524]; nicht bei Meder; Strauss S. 3280-3281 [verwendet 1520, 1521])
Text

Dürers Bemühungen um die Bewilligung der kaiserlichen Rente durch #Karl von Burgund erforderten ein gewisses Maß an Beharrlichkeit und Geduld. Von Antwerpen aus reiste Dürer nach Mecheln und Brüssel, um der Statthalterin der Niederlande und Tante des Königs bzw. Tochter Maximilians I., #Margarethe von Österreich, das Bittgesuch zur Weiterleitung übergeben zu lassen. Dann begab er sich nach Aachen, wo er als Abgesandter der freien Reichsstadt Nürnberg der Krönung Karls von Burgund zum römischen König beiwohnte. Anschließend folgte Dürer dem königlichen Tross nach Köln, wo er das gewünschte Bewilligungsschreiben schließlich erhielt. An all diesen Stationen der Reise hatte Dürer ausschließlich gezeichnet, vor allem Porträts und Stadtansichten. Doch schließlich nach Antwerpen zurückgekehrt, um dort den Winter zu verbringen, fand er auch wieder Zeit, ein Gemälde zu schaffen.
1521 führte Dürer in Antwerpen das kleine Andachtsbild "Der hl. Hieronymus" für Rui Fernandes de Almada, einen Gesandten des portugiesischen Königs, aus. Zu dem Gemälde, das sich heute im Museu Nacional de Arte Antiga in Lissabon befindet, sind in der Albertina vier Vorstudien erhalten, darunter die Studienblätter zu einem Lesepult (Inv. 3176) und einem Totenschädel, eine Hand- bzw. Armstudie und die vorliegende Studie zum Kopf des Heiligen. Diese  wiederum beruht auf einer Porträtzeichnung, die Dürer von einem 93-jährigen  Mann aus Antwerpen angefertigt hat. Diese Zeichnung befindet sich heute im Kupferstichkabinett in Berlin, wobei aber Dürer die Angaben zu Alter und Herkunft des alten Mannes nahe dem oberen Rand der Albertina-Zeichnung notiert hat.
Wie die Berliner Zeichnung ist auch das Wiener Blatt auf grau grundiertem Papier gezeichnet. Der Künstler geht mit höchster Präzision, aber dennoch diskret und einfühlsam den Spuren des Alters nach. Mit feinem Pinsel und unter Einbeziehung der weißen Deckfarbe hat er die Barthaare differenziert, die Falten auf der Stirn und unter den Augen studiert und den eher grimmigen Gesichtsausdruck des Alten auf dem Berliner Blatt in Richtung eines kontemplativen, weisen Mannes verändert. Mit im Unterschied zur Berliner Zeichnung gesenkten Lidern und nachdenklichem Ausdruck stützt der Alte das Haupt in seine Hand. Letzteres ist ein seit Dürers Frühwerk immer wiederkehrendes Motiv, das dann in dem Meisterstich "Melancholie" als Metapher für die Triebkraft von Genialität und geistigem Schöpfertum wohl seine eindrucksvollste Darstellung erfahren hat.
Im Gemälde hingegen findet der Heilige wiederum den Blick des Betrachters und sieht ihn direkt an. Indem er mit dem Finger auf einen Totenschädel zeigt, verweist er auf die Vergänglichkeit und Flüchtigkeit der menschlichen Existenz. Hieronymus ist hier im Gegensatz zu einer anderen Darstellungstradition nicht als Einsiedler mit dem Attribut des Löwen dargestellt, sondern als Gelehrter und Patron der Humanisten und Übersetzer. Nicht zuletzt ließ sich wohl auch das bereits in der Naturstudie anklingende Streben nach einer möglichst wirklichkeitsnahen und naturgetreuen Darstellung nicht mit einer in der Realität unmöglichen Paarung von Mensch und Raubtier vereinbaren.

Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 13.


Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 144
  • Winkler 788
  • Strauss 1521/3
  • Bibliography
  • AK Albertina 1971, Nr. 125
  • AK Brüssel 1977, S. 57
  • Anzelewsky 1980, S. 216
  • Benesch 1981, Nr. 71
  • Strieder 1981, Farbtaf. S. 130
  • Szilvia Bodnár, Les copies de Hans Hoffmann d'après un dessin de Dürer, in: Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts, 66-67, 1986, S. 69-82
  • AK Düsseldorf 1991, S. 110
  • Hewak/Hugue 1993, S. 47
  • Budde 1996, Z/20
  • Stüwe 1997, S. 75f
  • Dossi 1998, Taf. 9
  • AK Bonn 1999, S. 165
  • Eichler 1999, S. 118, Farbtaf. 117
  • AK Wien 2001, S. 61
  • Grimm 2002, S. 61 f., Abb. 95, 99
  • AK Albertina 2003, Nr. 178 (M. Mende)
  • Price 2003, S. 217-220
  • AK Madrid 2005, S. 260-267, Nr. 68 (M. Mende)
  • Unverfehrt 2007, S. 144-146
  • Schröder 2008, Nr. 13 (H. Widauer)
  • Demele 2012, S. 101
  • AK Washington 2013, S. 262-267, Nr. 105 (M. Mende)
  • Anja Grebe, Dürer. Die Geschichte seines Ruhms, Petersberg 2013, S. 192-193 (auch zu den Hoffmann-Kopien)
  • Grand Design: Pieter Coecke van Aelst and Renaissance Tapestry, hg. von Elizabeth Cleland u. a. (AK The Metropolitan Museum oft Art, New York), New York 2014, S. 72, Nr. 66
  • Iris Brahms, Zwischen Licht und Schatten. Zur Tradition der Farbgrundzeichnung bis Albrecht Dürer, Paderborn 2016, S. 258-261/Taf. IV.22
  • Ksenija Tschetschik-Hammerl, Nach Dürer. Kunst begegnet Natur bei Hans Hoffmann und Daniel Fröschel, Petersberg 2023, S. 246-247, Nrn. 11-14 (zu den Kopien Hans Hoffmanns)
  • Zum Lissaboner Gemälde: Bruges 2010/2011, S. 430-431, Nr. 240 (Juliane von Fircks)
  • Wolf 2010, S. 269, Kat. K46
  • Schauerte 2012, S. 212
  • Smith 2012, S. 300-303
  • Strieder 2012, S. 129-130
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), AK, Die Gründung der Albertina. 100 Meisterwerke der Sammlung, Ostfildern 2014, S. 76-77.
  • Albertina, Meisterzeichnungen: Dürer bis Michelangelo, hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb.16
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 464, Kat. 192
  • Provenance
  • Willibald Imhoff (1519-1580), Nürnberg (Kunstbuch, Verzeichnis 1588, Zeichnung 18: "Ein alter Mann grau in grau.")
  • 1588 an Kaiser Rudolf II.
  • Kaiserliche Schatzkammer
  • seit 1783 Kaiserliche Hofbibliothek
  • 1796 an Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
    zum Werk

    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/13507/bildnis-eines-93jahrigen-mannes-studie-fur-das-gemalde-deImage Request
    Last edited31.03.2025