Die Transfiguration
Giulio Romano
um 1518 - 1519
Die "Transfiguration" (Rom, Pinacoteca Vaticana) ist #Raphaels letztes großes Tafelbild und gilt als dessen künstlerisches Testament. Es wurde um 1516-1517 von Kardinal #Giulio de´Medici, dem späteren Papst Clemens VII., für seine Bischofskirche in Narbonne in Auftrag gegeben und entstand im künstlerischen Wettstreit mit #Sebastiano del Piombos Tafelbild der "Auferweckung des Lazarus" (London, National Gallery), die der Künstler mit Hilfe von Vorzeichnungen #Michelangelos gemalt hat (Vgl. Cordellier/Py 1992, S. 530-532). In einem Brief von Sebastiano an Michelangelo vom 2. Juli 1518 erfahren wir unter anderem, dass Raphael zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit dem Bild begonnen hatte (Golzio 1936, S. 70 f.). Die "Transfiguration" war jedenfalls nahezu vollendet, als Raphael am 6. April 1520 im Alter von siebendunddreißig Jahren starb. Man stellte das Bild zu seinen Häupten an der Totenbahre auf, und jedem schmerzte die Seele, als er das lebensvolle Werk neben dem toten Meister sah (Vasari, Bd. IV, S. 383).
Raphael hat verschiedene kompositionelle und thematische Änderungen im Laufe des Entwurfsprozesses vorgenommen. In seiner endgültigen Form stellt es zwei in den Evangelien getrennte, aber aufeinanderfolgende Ereignisse dar, und zwar die "Verklärung Christi auf dem Berg Tabor" und die "Heilung des besessenen Knaben", die Raphael im Bild zu einer grandiosen formalen und geistigen Einheit verbunden hat.
Passavant hat die hier ausgestellte Zeichnung nicht unter Raphaels Werke aufgenommen, und bereits im handschriftlichen Katalog der Albertina wurde sie angezweifelt. Auch Wickhoff lehnte das Blatt ab, wenngleich es #J. Pilizotti als Raphael lithografiert hat. Die Technik mit Feder und Pinsel mit Weißhöhung auf dunkelbraun grundiertem Papier hat Clair-obscur-Charakter und lässt sich etwa mit der Louvre-Zeichnung "Christus, Maria, Johannes der Täufer und die heiligen Katharina von Alexandrien und Paulus" (siehe Inv. DG1970/330) vergleichen. Das Albertina-Blatt ist aber in der feinteiligen Ausführung penibler, die Figuren sind ohne wirkliches inneres Leben, und überall sind Schwächen bei der Zeichnung der Hände und Gesichter festzustellen. Daher denkt Oberhuber (1982), dass möglicherweise Giulio Romano hier einen ersten Ideenentwurf Raphaels für das Tafelbild als Modello ausgearbeitet hat, um diesen dem Auftraggeber Giulio de´Medici vorzulegen. Die Zeichnung, die im Übrigen von Rubens kopiert wurde (AK Albertina 1983, Abb. S. 192) beweist, dass Raphael zu Anfang nur die "Transfiguration" darzustellen beabsichtigte.
Gewählt ist der Moment der Verwandlung: Das Angesicht von Christus begann zu strahlen wie die Sonne, seine Gewänder aber wurden leuchtend wie das Licht. Die Stimme Gottvaters sprach aus der Wolke: "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; ihn sollt ihr hören." Die beiden in Gebetshaltung knienden Apostel rechts verbindet ein heller Lichtstreifen am Boden mit dem erregten Apostel links, der mit beiden Armen nachdrücklich auf Moses und auf Christus deutet. Er richtet sich mit seinem Körper auf und setzt damit eine kreisförmige Bewegung in Gang, die über den schwebenden Moses aufsteigt und über den tiefer stehenden Elias, der seine Blicke zu den Aposteln senkt, nach unten weitergeführt wird. Die Kreisform, die hier zugleich räumlich wirksam wird, ist auch später in der "Transfiguration" des Tafelbildes bestimmend. In der Mitte des Kreises offenbart Christus seine göttliche Hingabe. Er ist allen nahe, doch niemand vermag die göttliche Aura zu durchdringen, die seine ruhige Gestalt am Rande des Hügels umgibt. Auch hinter Christus wird das flach ansteigende Terrain von seinem Licht erhellt. Ganz rechts am Rande erscheinen vermutlich Justus und Pastor, Märtyrer und Titelheilige der Kathedrale von Narbonne. Neuartig an der Darstellung der "Transfiguration" ist die machtvolle Erscheinung Gottvaters, der leicht von der Mitte versetzt und von einem Wolkenkranz mit Engeln umgeben ist. Es ist der Gottvater-Typus der Loggien, wie Oberhuber bemerkt hat, der ähnlich auf der Zeichnung der "Anbetung der Hirten" im Louvre aus dem Hintergrund nach vorne dringt (Cordellier/Py 1992, Nr. 887). Durch das kreiselnde Licht auf den Wolken wird gerade das Schwebende der oberen Partie betont, die sich im Bild sicher farblich durch einen hellen Blauton von der Unterzone absetzten sollte. Die Lichtscheibe hinter Gottvater erinnert an Raphaels "Madonna di Foligno" (Rom, Pinacoteca Vaticana), die in unserer Zeichnung aber direkt von einigen Engel gehalten wird. Giulio de´Medici mag dies als Allusion auf die "palla medicea" seines Familienwappens verstanden haben.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 171, S. 244.
