Der musikalische Wettstreit zwischen Apoll und Pan
Giulio Romano
um 1527
Zur gleichen Zeit, als der Aufenthaltsraum (Sala dei Venti) und das angrenzende Schlafzimmer (Sala delle Aquile) Federico II. Gonzagas ausgestattet wurden, arbeiteten Giulio und seine Werkstatt an der Dekoration eines kleinen Appartements, das im nordwestlichen Trakt des Palastes liegt und für eine Dame, vermutlich die zukünftige Ehegattin des Hausherrn bestimmt war. Hierzu gehört die Camera di Ovidio, das Schlafzimmer, die ihre Bezeichnung von einer Reihe mythologischer Fresken erhalten hat, die im Fries unterhalb der Decke mit Darstellungen antikischer Flusslandschaften alternieren. Die acht figürlichen Szenen, die nur teilweise ovidsche Metamorphosen illustrieren, spielen alle auf Liebe, Harmonie, Fruchtbarkeit und Ehe an und sind daher der Funktion des Raumes angepasst (AK Mantua 1989, S. 336). Für nahezu alle diese mythologischen Fresken, die 1527 von zwei Gehilfen Giulios gemalt wurden, haben sich großformatige Kartons erhalten, zu denen auch die prachtvolle, aus vier Papierstücken zusammengesetzte Vorlage der Albertina zählt (McAllister Johnson 1969, Abb. 15-19; K. Oberhuber, in: AK Mantua 1989, S. 338, erwähnt sieben Kartons). Zu ihrer genauen Übertragung auf das Wandbild sind nicht nur die Umrisslinien der Figuren, sondern auch Faltenzüge der Gewänder, Muskelerhebungen und Details der Modellierung durchstochen.
Dargestellt ist der musikalische Wettstreit zwischen dem bocksbeinigen, eine Syrinx blasenden Hirtengott Pan und Apoll, der auf einer Harfe spielt (#Ovid, Metamorphosen, Buch 11, 147 ff.). Der Berggott Tmolus steht als Schiedsrichter im Zentrum und lässt durch seine abwehrende Handgeste keinen Zweifel daran, dass er Apoll zum Sieger küren wird, dem bereits Victoria einen Kranz über das Haupt hält. König Midas, der ungefragt das Urteil des Tmolus rügte, hat bereits die Eselsohren als Strafe für seine mangelnde Unterscheidungsfähigkeit erhalten. Die entstellenden Ohren suchte er mit einer Kappe zu verbergen, die Giulio skizzenhaft angedeutet hat, die er aber ebenso wie das Schild der dahinter stehenden Minerva nicht durchstach, da diese Details in der Ausführung wegfallen sollten. Zeitgenössische Allegorien interpretierten den Mythos als einen Wettstreit zwischen Ignoranz und Weisheit, was ein Grund für die Präsenz Minervas direkt neben Midas sein mag (Wyss 1996, S. 96). Eine weitere Erklärung hierfür könnte sein, dass nach einer alten Sage die Göttin das Spiel auf der Flöte erfunden hatte, die sie aber wegwarf, da das Blasen ihre Gesichtszüge entstellte (Ovid, Fasti, Buch VI, 696 ff.). Marsyas hob sie auf, übte darauf und forderte schließlich Apoll zu einem Wettstreit auf, der seit der Antike häufig mit dem auf unserem Blatt wiedergegebenen vermischt wird. Das Urteil zuungunsten Pans erhält jedenfalls durch Minervas Ablehnung der Hirtenflöte eine zusätzliche Rechtfertigung von höchster Autorität. Giulio hat die Darstellung in dieser Federzeichnung, die zu seinen wundervollsten gehört, durch die flächenparallele Reihung sowie die klassische Form der Bewegungsmotive und der Gewänder das Aussehen eines antiken Reliefs verliehen. Der rhythmische Schwung, der die makellos schönen Körper der Figuren auf der linken Seite durchzieht, veranschaulicht auf subtile Weise den Wohlklang der himmlischen Musik, die in krassem Gegensatz zu den Pfeiftönen steht, die das hässliche Wesen daneben seinem Instrument entlockt. Auf eindrucksvolle Weise verbildlicht Giulio dadurch die Bedeutung dieser Szene, nämlich den Triumph göttlicher Harmonie über irdische Klänge, höherer Kunstformen über die niederen und den Sieg apollinischer Schönheit und Weisheit über die tierischen, triebhaften Kräfte der Natur.
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 70, S. 176.
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