Die Cumäische Sibylle (Studie für das Sibyllenfresko, S. Maria della Pace, Rom)
Raffaello Santi
um 1511
Eines der eindrucksvollsten Rötelblätter Raphaels ist die Vorzeichnung für die Cumäische Sibylle in der Chigi-Kapelle in S. Maria della Pace. Die Stirnwand dieser im Auftrag des reichen sienesischen Bankiers #Agostino Chigi dekorierten Kapelle schmücken in der unteren Zone vier Sibyllen, Prophetinnen, die dem Mythos zufolge unaufgefordert die Zukunft geweissagt haben. Die Cuma auf der rechten Seite des Wandbildes schafft durch ihre blockhafte Verankerung und beherzte Drehung des Oberkörpers einen wirkungsvollen Auftakt für diese Gruppe. Bei dieser bereits nahezu der Ausführung entsprechenden Zeichnung ist die untere Hälfte am kontrastreichsten wiedergegeben und tritt gegenüber dem mehr summarisch behandelten Oberkörper optisch stark hervor. Diesen Eindruck verstärkt der Wechsel zwischen großen Flächen vorne und komplizierteren Strukturen hinten, aber auch das Licht, das der Oberfläche auf jeder Ebene verschiedene Effekte abgewinnt. Zugleich fasst Raphael den Körper durch lang gezogene Linien zusammen und verleiht der Drehbewegung einen starken Schwung, wodurch das geöffnete Buch fast herabzugleiten droht. Man hat häufig auf den Einfluss von #Michelangelos Sibyllen hingewiesen, doch bestehen auch prinzipielle Unterschiede zwischen den isolierten Figuren der Sixtinischen Decke und der harmonischen Verkettung von Raphaels Sibyllen mit den Engeln. Da sich auf zwei Entwürfen Raphaels für die Fresken in den vatikanischen Stanzen von ca. 1510/11 Studien für die Dekoration der Chigi-Kapelle befinden, könnten die Malereien in dieser Zeit entstanden sein.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 48.
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