Studie für eine Kanephore der Gewölbedekoration von S. Maria della Steccata
Francesco Mazzola, gen. il Parmigianino
um 1534-1535
Die bezaubernde in Rötel mit Weißhöhung gezeichnete Frauenfigur ist eine Studie für die mittlere Kanephore an der Südseite des Tonnengewölbes im Hauptchor von Santa Maria della Steccata in Parma, dessen Ausschmückung die gesamten letzten zehn Jahre des Künstlers in Anspruch genommen hat. Am 10. Mai 1531 verpflichtete sich Parmigianino, die Ostapsis, das angrenzende Tonnengewölbe mitsamt den beiden Bogenlaibungen und das Gebälk unterhalb binnen achtzehn Monaten zu dekorieren. Da die Arbeit aber nicht voranging, setzte man am 27. September 1535 einen neuen Vertrag auf, in dem die Vollendung innerhalb der darauffolgenden zwei Jahre festgelegt wurde. Als auch diese Zeit verstrichen, die Freskierung der Apsis aber noch nicht begonnen war, ließen die Auftraggeber den Künstler im November 1539 verhaften. Er floh nach seiner Entlassung nach Casalmaggiore, wo er kurz darauf am 24. August 1540 verstarb.
Die Kopfhaltung der Frauengestalt nähert sich zwar der endgültigen Ausführung der Vasenträgerin im Fresko bereits an, aber die starken Abweichungen der Pose und des Gewandes sprechen für eine Erfindung in einem relativ frühen Entwurfsstadium. In dieser Phase hat der Künstler diese Figur in auffälliger Untersicht wiedergegeben. Ihre Schönheit und Ausstrahlung erhält sie durch die kontrollierte Linienführung und betonte Klassizität der Pose in Verbindung mit einer rhythmischen Lebendigkeit des Körpers, die bis in die Faltenmotive hinein spürbar wird. Der freudig sinnliche Blick schmälert nicht die Grazie und Eleganz ihrer Erscheinung, die durch das kräftige Licht, das die Oberfläche des Gewandes zum Glänzen bringt, noch unterstrichen wird. Die weichen und fülligen Formen und die schwungvolle Bewegung nehmen bereits Elemente der "Madonna dal lungo" (um 1535) vorweg, und in der Tat nähert sich das Albertina-Blatt zusammen mit einer ähnlichen Studie im Louvre einem Entwurf für die Gewölbedekoration der Steccata in Chatsworth von ca. 1535, dessen Rückseite eine Studie zu diesem berühmten Madonnenbild Parmigianinos in den Uffizien zeigt (Popham 1971, Nr. 421, Taf. 336, Nr. 719, Taf. 343 und 357). Alle diese Zeichnungen entstammen einem Planungsstadium, in dem die Vasenträgerinnen noch nicht wie später im Fresko Lampen halten, durch die sie gemäß der Parabel im Matthäusevangelium (25,1 - 13) als kluge und törichte Jungfrauen ausgewiesen werden.
Michelangelo und seine Zeit, Meisterwerke der Albertina, Wien/Bilbao 2004/05, Abb. 75, S. 186.
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