Juno auf dem Pfauenwagen
Giovanni Francesco Penni
um 1520
Zugeschrieben an
Giovanni Francesco Penni
(Florenz 1488/96 - 1528/30 Neapel)
Vormals zugeschrieben an
Giovanni Ricamatore, gen. Giovanni da Udine
(Udine 1487 - 1561 Rom)
Dateum 1520
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder, laviert, weiß gehöht, Quadrierung in schwarzer Kohle
Dimensions21,4 x 27,9 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number214
Inscribedr.u. "Raphael urbino" (in späterer Tintenschrift)
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
TextDas letzte große Bauwerk des Architekten Raphael ist die am Nordosthang des Monte Mario gelegene Villa Madama. Dieses grandiose Projekt der Neuschaffung einer antiken Villa suburbana im klassichen Stil der Hochrenaissance wurde nie vollendet. Die ersten Planungen um 1516 waren im Jahre 1518 zur Ausführbarkeit gereift, als Papst Leo X. seinen Cousin Kardinal Giulio de´Medici, den späteren Papst Clemens VII., zum offiziellen Bauherrn ernannte. Die Dekoration des Gebäudes erfolgte jedoch erst nach Raphaels Tod zwischen 1520 und 1525 unter der Leitung von Giulio Romano und Giovanni da Udine. Am prachtvollsten mit Malerei und Stuckdekor wurde die Gartenloggia ausgestattet, die sich in drei großen Jochen mit angrenzenden Exedren nach Norden hin öffnet. Briefen Giulios vom Juni 1520 ist zu entnehmen, daß der Kardinal für die Dekoration eine Auswahl abwechlungsreicher, dabei klar verständlicher Geschichten verlangte und daß es zu Streitereien zwischen Giulio und Giovanni bei der Aufteilung der Arbeit gekommen war. Durch den Tod Raphaels fehlten der Werkstatt auch die klaren Direktiven ihres genialen Leiters. Die Querelen konnten offenbar nicht beigelegt werden, denn kurz darauf wurde der am 1. August 1520 zum päpstlichen Architekten ernannte Baldassare Peruzzi als Entwerfer einiger Szenen hinzugezogen. Wie Vasari (Ausg. Milanesi, Bd. 4, S. 645) überliefert, war bei der Ausführung des Projekts aber auch Raphaels zweiter engster Schüler, Penni, maßgeblich beteiligt. Die Juno auf dem Pfauenwagen ist der einzige erhaltene Entwurf für eines der Fresken an der mittleren Kuppel der Gartenloggia. Die literarische Anregung bildete Ovid (Metamorphosen, I, 722f., II, 531ff.), und kompositionell waren verschiedene antike Vorbilder maßgeblich, die N. Dacos (1987, S. 255) zusammengestellt hat. Das Blatt ist von späterer Hand mit „Raphael urbin“ beschriftet, und unverkennbar raphaelisch ist die Gestaltung der Göttin, die an die weiblichen Allegorien Iustitia und Comitas im Konstantinssaal gemahnt, die 1520 von den Schülern nach Entwürfen des Meisters ausgeführt wurden. Auch der Zeichenstil schließt engstens an Raphaels Modelli für die Loggien an (vgl. Inv. 171, Inv. 173). Die Erfindung geht somit gewiß auf den Meister zurück, doch stammt die zeichnerische Ausführung wohl nicht von seiner Hand. Sie ist gleichförmig und vermag den Figuren keinerlei Schwung, Energie und innere Austrahlung zu verleihen. Man sehe nur, wie mühsam die Vögel den Wagen zu ziehen versuchen. Ferner können sich die Bewegungen nicht frei entfalten, zumal der Himmel keine Tiefe suggeriert, sondern die Figuren als neutralen Fonds hinterfängt, auf dem sie appliziert sind. Bereits J. D. Passavant hat sich für Giovanni da Udine als Zeichner ausgesprochen, eine Zuschreibung, der wir noch vor kurzem selbst gefolgt sind. Dies ist erscheint jedoch äußerst fraglich, vergleicht man die wenig überzeugende, plump anmutende Gestaltung der beiden Pfauen mit Studien des Tierspezialisten Giovanni da Udine (Nesselrath, 1989, fig. 39, 40), welcher derartige Vögel meisterhaft lebensnah wiederzugeben wußte. Von Peruzzi, der die Entwürfe für die vier Ovalszenen des nordöstlichen Gewölbes schuf, dürfte das Blatt ebensowenig stammen wie von Giulio. Peruzzi gibt seinen Gestalten markantere Konturen, verleiht den Körpern durch einzeln hervortretende Muskeln und Abschnürungen an den Gliedmaßen ein kernigeres Aussehen und verhüllt sie mit Gewändern, die sich nicht locker bauschen, sondern durch zahllose metallisch scharfe Parallelfalten gegliedert werden. Giulios Figuren wirken hingegen vitaler, zügelloser und sind plastischer empfunden als die Juno auf dem vorliegenden Blatt. Auszuscheiden ist zudem Perino del Vaga, der sich dem Stil Raphaels nie derart annähert und dessen Gestalten überlängter sind und mit schwungvollen, ungehemmt fließenden und sich häufig wiederholenden Federlinien umschrieben werden. Eine Beteiligung Perinos an der Ausmalung der Loggia ist zudem nicht überliefert. Am meisten scheint das Wiener Blatt einem Entwurf Pennis für eine Szene am nordöstlichen Gewölbe sowie einigen wohl von dem gleichen Künstler stammenden Vorzeichnungen für die linke Kuppel zu ähneln (Mantua und Wien, 1999, Nr. 193, 194, 198). Bei der Zeichung Dädalus baut die Kuh für Pasiphae in den Uffizien ist eine vergleichbar penible Ausführung mit einer Neigung zum Dekorativen in der Gestaltung von Details zu erkennen. Verwandt sind vor allem die Lichthöhungen, die nicht modellierend eingesetzt sind wie bei Raphael, sondern in dünnen Strichen und Bögen mehr zeichnerisch auf der Oberfläche aufgetragen wurden. Diese Weißhöhungen können die Formen vervollständigen oder Federlinen gänzlich ersetzen, wie beim Zügel in der Hand Junos. In Zeichnungen Pennis wie den drei historischen Szenen der Albertina (Inv. 230, Inv. 231, Inv. 232) sind die Bewegungen der Figuren zwar dynamischer als die Junos auf ihrem Gefährt, doch könnte dies damit zu begründen sein, daß der Künstler getreu einer Vorlage Raphaels folgt.
zum Stempel/Zeichen
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/23602/juno-auf-dem-pfauenwagenImage RequestLast edited23.04.2013