Ochse
Peter Paul Rubens
um 1618
Diese Nahansicht eines Ochsen gehört mit der ebenfalls in der Albertina befindlichen Pferdestudie [Inv. 8252] zu Rubens’ beeindruckendsten Haustierdarstellungen, die sich bis heute erhalten haben. Der Künstler hat die feinen Umrisse zunächst mit schwarzer Kreide festgehalten und das Tier dabei vermutlich nach der Natur gezeichnet; im Atelier hat er dann den dunkelroten Rötel hinzugefügt. Rubens’ ausgefeilte Technik unterscheidet diese Zeichnung – wie auch die Pferdestudie – von seinen sonst üblichen Vorarbeiten. Er gibt den große Kraft ausstrahlenden Ochsen mit derart zahlreichen, genau beobachteten Einzelheiten wieder, als hätte er ein Porträt malen wollen; und wie oft bei Porträtbildern der Fall, blickt das Tier auch hier dem Betrachter entgegen. Es könnte sich um ein preisgekröntes Tier auf einem jener Höfe in der Umgebung von Antwerpen gehandelt haben, die Rubens nach dem Tod seiner Mutter Maria Pypelincx (1608) oder dem seines 1611 verstorbenen Bruders Philip geerbt hat. In der niederländischen Kunst bestand der Brauch, preisgekrönte Tiere auf eben jene Weise darzustellen, wie Rubens es auf dem vorliegenden Blatt getan hat.(1)
Sieht man von dem porträthaften Charakter der Zeichnung ab, so lässt sich das Tier mit einem ähnlichen, wenn auch etwas gedrungeneren Ochsen in der Bildmitte des um 1618 datierten Gehöfts bei Laeken (2) […] vergleichen. Derselbe Ochse taucht auch auf der viel späteren, in Berlin aufbewahrten Landschaft mit Entenjägern (3)im rechten Vordergrund auf, was vermutlich darauf hinweist, dass Rubens sehr an der Zeichnung gelegen war und er sie in seinem Fundus aufbewahrt hat, wohl als zunächst nicht zweckgebundene Darstellung eines bestimmten Tieres.(4)
Der Bezeichnung »PPR« am unteren, mittleren Bildrand stammt vermutlich von einem frühen Sammler und findet sich auch auf dem Blatt Gesatteltes Pferd [Inv. 8252], auf einer Porträtstudie von Rubens‘ Sohn Albert in der Eremitage, (5) auf einer schon des öfteren Rubens zugeschriebenen Zeichnung eines Baumes in Dresden (6) und auf Rubens‘ früher Nachzeichnung nach dem Torso Belvedere […].Im 17. Und 18. Jahrhundert war es durchaus üblich, dass Sammler auf Blättern Bezeichnungen anbrachten. So etwa Padre Sebastiano Resta die in seiner Sammlung befindliche Studie des Sterbenden Seneca […] annotiert. Sammler des 17. Jahrhunderts haben auf einigen der schönsten Blätter des Künstlers, die heute ebenfalls in der Albertina aufbewahrt werden, Rubens‘ „Signatur“ hinzugefügt: „P P Rubbens“ oder auch „Rubbens“. […]
Der Glanz barocker Prachtentfaltung in Rubens’ OEuvre darf nicht darüber hinweg täuschen, dass auch ländliche Szenen einen wichtigen Stellenwert in seinem Werk einnehmen. Zumeist waren solche Bilder nicht für seinen exklusiven Kundenkreis, sondern für seine eigene Sammlung gedacht. Eher privater Natur waren auch die Umstände ihrer Entstehung: Einzelstudien, mit denen Rubens seine Gemälde sorgfältig vorbereitete, entstanden meist während eines Ausritts vor die Stadt, wenn er in Antwerpens Umgebung Entspannung und Ruhe suchte.
Die zwei Studienblätter mit einem Ochsen und einem gesattelten Pferd (Inv. 8252, Inv. 8253) gehören zu seinen beeindruckendsten Tierdarstellungen. Ihr ungezwungener Auftritt legt nahe, dass der Künstler unmittelbar nach der Natur gezeichnet hat. An Ort und Stelle hat er die feinen Umrisse mit schwarzer Kreide skizziert, dann im Atelier den dunklen Rötel appliziert. Zarte Weißhöhungen deuten auf dem Blatt mit dem Pferd den feinen Glanzton des frisch gestriegelten Fells an. Beide Tiere gibt Rubens mit geradezu porträthafter Genauigkeit wieder. Der Ochse richtet seine großen Augen dabei auf den Betrachter, das gesattelte Pferd signalisiert mit dem angewinkelten rechten Hinterbein seine Vertrautheit mit dem Künstler, als warte es ungeduldig darauf, dass er aufsteige und mit ihm fortreite. Auf der linken Seite des Blattes hat Rubens eigens noch die angewinkelten Vorderbeine des galoppierenden Pferdes studiert.
Beide Zeichnungen entstanden zu einer Zeit, als sich Rubens verstärkt mit ländlichen Genredarstellungen sowie Jagd- und Historienszenen beschäftigte, in denen Pferde und andere domestizierte Tiere eine nicht unbedeutende Rolle spielten. Derartige spontane Studien wurden vom Künstler zunächst zu seinem Zeichnungsfundus gelegt, um im geeigneten Moment zum Einsatz zu kommen: So wurde das Blatt mit dem Ochsen gleich mehrfach und noch Jahrzehnte später für Gemälde verwendet (Gehöft bei Laeken, um 1618; London, Royal Collection, RCIN 405333 https://www.rct.uk/collection/search#/2/collection/405333/milkmaids-with-cattle-in-a-landscape-the-farm-at-laken§ ; Landschaft mit Entenjägern, 1635–1638; Berlin, Staatliche Museen, Gemäldegalerie, Ident Nr. 2013 http://www.smb-digital.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=865663&viewType=detailView§). Bei noch so kunstreicher Inszenierung räumt folglich auch Rubens dem Arbeiten »nach dem Leben« die höchste Priorität ein.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 112, S. 230.
