Peter Paul Rubens, Aktstudie eines Mannes in vorgebeugter Haltung , Inv. Nr.: 8300r
Aktstudie eines Mannes in vorgebeugter Haltung
Peter Paul Rubens, Aktstudie eines Mannes in vorgebeugter Haltung , Inv. Nr.: 8300r
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Aktstudie eines Mannes in vorgebeugter Haltung

Peter Paul Rubens

um 1613




Künstler:in (Siegen 1577 - 1640 Antwerpen)
Dateum 1613
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide und Rötel, mit weißer Kreide gehöht
Dimensions40,1 x 24,7 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number8300r
Text

Peter Paul Rubens wurde 1577 in Siegen in Westfalen geboren. Seine Familie stammte ursprünglich aus Antwerpen, wohin die Mutter mit den beiden Söhnen Philipp und Peter Paul nach dem Tod des Vaters aus dem Kölner Exil zurückkehrte. In Antwerpen erhielt Peter Paul eine klassisch humanistische Ausbildung, vervollkommnete seine Erziehung in gräflichen Diensten und konvertierte zum katholischen Glauben. Bei den manieristischen Landschaftsmaler #Tobias Verhaecht lernte er die Malerei, und 1598 wurde er in die Antwerpener Lukasgilde aufgenommen.
Ab 1609 ließ er sich nach einem achtjährigen Aufenthalt in Italien in Antwerpen nieder und wurde Hofmaler des Regentenpaares #Erzherzog Albert und #Isabella Clara Eugenia. Im selben Jahr gründete er eine Werkstatt, die bald die größte und bedeutendste der Südlichen Niederlande wurde. Porträts, Illustrationen für Gebets- und Messbücher, mythologische Schlachtenzyklen und vor allem religiöse Historienbilder wurden von Rubens und seiner Werkstatt in arbeitsteiliger Organisation bewältigt. Abgesehen von genremäßig spezialisierten Mitarbeitern, die z.B. für die Ausführung der vom Meister entworfenen Buchillustrationen oder Stillleben verantwortlich waren, mussten zumeist auch Werkstattmitarbeiter die monumentalen Altarbilder fertigstellen. Dabei hat Rubens zuerst die Bildidee mit einer Ölskizze festgehalten und nach Begutachtung durch den Auftraggeber einzelne Figuren in Form von Zeichnungen gesondert herausgearbeitet. Diese Detailstudien  dienten dann den Mitarbeitern als Anleitung zur Übertragung auf das Altarbild.
Besonders nach dem Sieg der Gegenreformation hatte der Klerus in Antwerpen einen ungeheuren Bedarf  an Altar- und Wandbildern. Rubens' bedeutendster und größter Auftraggeber war der Jesuitenorden. Die gegenreformatorische Kunsttheorie sah vor, dass jede Einzelheit eines religiösen Historienbildes eine eindringliche Wirkung auf den Betrachter ausüben sollte, ihn zu fesseln und vom Glaubensinhalt zu überzeugen hätte. Diesem Anspruch folgend, waren bei Rubens in erster Linie die menschlichen Figuren der Ausgangspunkt bei der Vermittlung des dargestellten Glaubensinhalts. In ihnen drücken sich Pathos, Leidenschaft und Dramatik eines Themas aus, die sich auf den Betrachter übertragen. Dementsprechend hat der Künstler seine Figuren vor allem hinsichtlich ihrer Bewegung und ihres Ausdrucks genauestens studiert und sie zumeist mit schwarzer Kreide auf Papier sorgfältig vorbereitet. 
Auch der Studie eines männlichen Aktes in vorgebeugter Haltung ist eine Ölskizze vorangegangen, die sich heute in der St. Petersburger Eremitage befindet. Die Zeichnung bereitete dann den im linken unteren Vordergrund erscheinenden Apostel auf Rubens' monumentaler, um 1613 ausgeführten "Himmelfahrt Mariens" (Kunsthistorisches Museum, Wien) vor. Zusammen mit zwei anderen Aposteln hält er auf dem Gemälde den riesigen Stein vor der Grabkammer Mariens fest. Auf der Zeichnung hat Rubens mit großer Detailgenauigkeit das Muskelspiel bei dieser anstrengenden Tätigkeit wiedergegeben, wobei er das Licht sanft über den muskulösen Körper gleiten lässt und ihm eine sinnlich wahrnehmbare Oberfläche verleiht; ein Modell wird ihm dabei als Vorbild gedient haben, um größtmögliche Wirklichkeitsnähe zu erzielen. Das Studium antiker Skulpturen während seines Italienaufenthaltes und das starke Interesse an Anatomie und Körperlichkeit, das auf #Michelangelos Vorbild zurückgeht, waren weitere Voraussetzungen für die ungeheure Realitätsnähe seiner Figurendarstellungen. Rubens besaß u. a. Zeichnungen von Michelangelo, wovon einige Blätter auch in die Albertina gekommen sind (Inv. 116, 118, 120 und 123).

Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 64.

Catalogue raisonné
  • Rooses 1886-1892, 1580
  • Glück/Haberditzl 1928, Nr. 124
  • AK Albertina 1977, Nr. 11
  • Bibliography
  • Knackfuß 1897, Abb. 72
  • Michel 1900, Abb. S. 13
  • Schönbrunner/Meder 1896-1908, Bd, 9, Nr. 1003
  • Haberditzl 1912, S. 6
  • Muchall-Viebrook 1926, Nr. 8
  • Kuznetsov 1974, Taf. 83
  • Mitsch 1977, S. 17
  • Freedberg 1984, Nr. 37 a, Abb. 92
  • Balis 1986, S. 116
  • AK Adelaide/Sydney 2002, Nr. 48, Abb.
  • AK Peter Paul Rubens, hg. von K. A. Schröder und H. Widauer, Albertina, Wien 2004, Nr. 38 (A.-M. Logan)
  • AK London 2005, Kat. 60, S. 137
  • AK New York 2005, Nr. 41
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina, Wien, Ostfildern 2008, Nr. 41 (H. Widauer)
  • AK Wuppertal 2012/2013, Abb. S. 228
  • Provenance
  • Kaiserliche Hofbibliothek
  • Herzog Albert von Sachsen Teschen
  • Online resources
    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/29168/aktstudie-eines-mannes-in-vorgebeugter-haltungImage Request
    Last edited30.08.2022