Peter Paul Rubens, Hélène Fourment, Inv. Nr.: 8255r
Hélène Fourment
Peter Paul Rubens, Hélène Fourment, Inv. Nr.: 8255r
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Hélène Fourment

Peter Paul Rubens

um 1631




Künstler:in (Siegen 1577 - 1640 Antwerpen)
Dateum 1631
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesSchwarze Kreide und Rötel, mit weißer Kreide gehöht
Dimensions32 x 40,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number8255r
Text

Das Bildnis seiner zweiten Frau Hélène Fourment (1614–1673) entstand um 1631, kurz nachdem Rubens im Alter von 53 Jahren die erst 16-jährige, wegen ihrer Schönheit berühmte Tochter eines Antwerpener Kaufmannes geheiratet hatte. Hélène ist in einem prächtigen, der Mode der Zeit entsprechenden Kleid dargestellt. Mit tiefem Ausschnitt, gepufften Ärmeln, Rüschen, Spitzenkragen und Schmuckbesatz steht sie der Eleganz adeliger Damen in nichts nach, und auch die leichte Rückwärtsneigung verleiht der Dargestellten etwas Hoheitsvolles. Vor der sorgfältigen Ausarbeitung in Kreide hat Rubens flüchtige Umrisse skizziert. Den zarten Hautton von Gesicht und Händen erzielte er durch Rötel, Spuren von weißer Kreide setzen feinste Lichter auf die Hände und die Spitzenbesätze am Ärmelsaum.

Hélènes Geste wirkt, als ob sie etwas vor dem analytischen Blick ihres Mannes verbergen möchte. Ist es vielleicht das gleiche kleine Gebetbuch, das sie auf einer Zeichnung in London hält (The Courtauld Gallery, Inv. D.1978.PG.64)? Der Vergleich mit diesem Blatt liefert eventuell auch eine Erklärung für die Kopfverstümmelung der Dargestellten: Unsere Zeichnung wurde entlang der Oberkante teils abgerissen, teils abgeschnitten, sodass ein beträchtlicher Teil des Oberkopfes im Original verloren ging. Auf einem angesetzten, heute wieder entfernten Papierstreifen wurden fehlende Partien rekonstruiert. Dass Hélène hier den gleichen stempelförmigen Aufsatz eines Schleiers (die sog. Huicke) trug wie auf dem Londoner Blatt, ist unwahrscheinlich. Vielleicht aber hatte Rubens hier die prinzipielle Möglichkeit einer Kopfbedeckung ausgelotet, die den ästhetischen Vorstellungen eines späteren Sammlers widersprach und per Radikalschnitt eliminiert wurde?

Die Gewandstudie auf der Rückseite (Inv. 8255v) steht in Zusammenhang mit Rubens’ ganzfigurigem Porträt der Hélène im Louvre, das um 1638/39 datiert wird. Bezeichnenderweise trägt Hélène auch hier die Huicke. Rubens könnte also während der Arbeit an diesem Gemälde eine alte Skizze hervorgeholt haben, auf der er dann weitere Ideen auf dem Weg zur endgültigen Bildfindung festhielt.

Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 104, S. 216.


Nach dem Ableben seiner ersten Frau Isabella Brant 1626 war Rubens so betroffen und unglücklich, dass er zunächst Ablenkung in seiner Arbeit suchte. Mehr als willkommen kam ihm daher das Ansuchen der #Infantin Isabella Clara, im Sinne der Südlichen Niederlande Friedensverhandlungen zwischen England und Spanien zu führen. 1632 quittierte er schließlich aber den diplomatischen Dienst, den er höchst erfolgreich geführt hatte, um sich offenbar mehr seiner Familie widmen zu können.
1630 hatte Rubens im Alter von 53 Jahren die erst 16-jährige Tochter eines Kaufmannes aus Antwerpen, Hélène Fourment (1614-1673), geheiratet, die ihm im Laufe ihrer Ehe fünf Kinder schenkte. Hélène war wegen ihrer Schönheit in ganz Antwerpen berühmt. Auf dieser Zeichnung ist sie in einem prächtigen, die Mode der Zeit wiedergebenden Kleid dargestellt. Es ist tief ausgeschnitten, reichlich mit Spitzen besetzt und hat mit Falten und Rüschen versehene Puffärmel und einen auf den Schultern ruhenden weichen Kragen. Das Kleid ist gut vergleichbar mit jenem festlichen Gewand, dass Hélène in einem Porträt, heute in der Alten Pinakothek in München, trägt. Auch das Alter des Mädchens entspricht einander auf beiden Porträts; die Zeichnung wurde demnach noch vor der Geburt ihres ersten, im Januar 1632 geborenen Kindes, Clara-Johanna, ausgeführt.
Stilistisch ähnelt das Bildnis Rubens' großformatigen Kreidezeichnungen von Einzelfiguren zu seinem Gemälde Liebesgarten, das sich heute im Prado befindet. Dieses späte Hauptwerk ist durch eine Zartheit in den Emotionen und Gesten seiner Protagonisten gekennzeichnet; vorweggenommen wird diese Feinsinnigkeit und Leichtigkeit in den vorbereitenden Zeichnungen, die durch ihre Freiheit und Kühnheit in der Linienführung bestechen und von einer virtuosen Beherrschung der Kreidetechnik zeugen. Rubens' Interesse für plastische Ausformungen in seiner frühen Schaffenszeit ist auch im vorliegenden Bildnis einer sensualistischen Zeichenweise gewichen: Hélène ist mit lockerem Lineament gezeichnet. Für Gesicht und Hände hat Rubens zur Wiedergabe des Hauttons Rötel verwendet und mit weißer Kreide Lichter gesetzt, um die Falten an den Ärmeln anzudeuten und die Hände etwas hervorzuheben.

Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 71.

Catalogue raisonné
  • Rooses 1886–1892, Nr. 1540
  • Glück/Haberditzl 1928, Nr. 232
  • AK Albertina 1977, Nr. 53
  • Bibliography
  • Schönbrunner/Meder 1896-1908, Nr. 732
  • Glück 1921, VI
  • Muchall-Viebrook 1926, Nr. 24
  • Glück 1933, S. 132 f., Abb. 81
  • Benesch 1964, Nr. 150
  • Vlieghe 1987, Nr. 100 b
  • AK Albertina/Amsterdam 1989/1990, Nr. 52, Abb.
  • AK New York 1997, Nr. 40, Abb.
  • A.K. Peter Paul Rubens, hg. von K. A. Schröder und M. Bisanz-Prakken, Albertina, Wien 2004, Nr. 117 (A.-M. Logan)
  • AK New York 2005, Nr. 96
  • Schröder 2008, Nr. 71 (H. Widauer)
  • AK Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Nr. 104.
  • Provenance
  • Kaiserliche Hofbibliothek
  • 1796 durch Tausch erworben von Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • Online resources
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    IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/29123/helene-fourmentImage Request
    Last edited23.11.2021