Der Maler Max Oppenheimer
Egon Schiele
1910
Im Bildnis seines Malerfreundes Max Oppenheimer wird der Übergang vom Jugendstil zum Expressionismus in Schieles Schaffen deutlich: Einerseits fließen die mit dem Bleistift gezogenen Konturen des Mantels noch rund und geschmeidig um den Körper. Dabei schaffen sie ausdrucksstarke Negativflächen außerhalb der Figur, eine typische Wiener Erscheinung des dekorativen Flächenstils. Andererseits ist die radikale Zweidimensionalität des schwarz getuschten Gewandes und der Krawatte eine provozierende Umkehrung von Klimts reich dekorierten Flächen. Auch die Kolorierung weicht von jeglichem Naturvorbild ab, denn Gesicht und Hände sind grün gehalten. Der gekünstelte Gesichtsausdruck, die überspannte Gestik und der expressive Umriss der Körpersilhouette werden zum eigentlichen Ausdrucksmedium.
Im Jahr 1910 zeichnete und malte Schiele Porträts vor allem von befreundeten Künstlern: #Max Oppenheimer, #Dom Osen, seinem zukünftigen Schwager #Anton Peschka und dem als "noblen Freund" titulierten ehemaligen Zeichenlehrer in Klosterneuburg, #Max Kahrer.
Obwohl die Freundschaft mit #Kahrer älteren Datums ist als die zu dem nur fünf Jahre älteren #Max Oppenheimer und #Kahrer Schiele als erster mit der jüngsten secessionistischen Kunstbewegung vertraut gemacht und zum Kunststudium ermuntert hat, stehen die Porträts #Max Oppenheimers am Beginn von Schieles expressionistischen Künstlerporträts.
Bereits zum Jahresanfang 1909, während seiner allgemeinen #Klimt-Begeisterung, lernt Schiele #Max Oppenheimer (1885-1954) kennen, den neben dessen Rivalen #Oskar Kokoschka ersten Proponenten des Wiener Frühexpressionismus. Im Jahr darauf malte der um fünf Jahre ältere Künstler ein Porträt von Schiele sowie von vielen anderen Wiener Literaten, Künstlern und Komponisten: von #Altenberg über #Schnitzler bis #Schönberg. Umgekehrt fertigt Schiele eine Reihe an Gouachen, Zeichnungen und Aquarellen von #Oppenheimer an, von denen vielleicht jenes der Neuen Galerie in New York oder die Fassung der Albertina als Studie für ein ausgeführtes Gemälde hätte dienen sollen.
Im #Oppenheimer-Porträt der Albertina kristallisiert sich der Übergang vom Jugendstil zum Expressionismus. Einerseits fließen die mit dem Bleistift gezogenen Konturen des Mantels noch weitgehend rund und umkreisen geschmeidig den Körper. Dabei schaffen sie ausdrucksstarke Negativflächen außerhalb der Figuren: eine typische Wiener Erscheinung des dekorativen Flächenstils, die Schiele zeitlebens virtuos beherrschen wird. Andererseits ist die radikale Zweidimensionalität des mit schwarzer Tinte homogen ausgemaltem Gewandes, inklusive der gewellten Krawatte, geradezu eine subversive Metamorphose von #Klimts reich dekorierten Flächen. Hinzu kommt die vom Naturvorbild abweichende gelbe und grüne Kolorierung des Inkarnats im Gesicht und in der Hand und der artifizielle Gesichtsausdruck: Die expressive Qualität der Silhouette der Figur macht Schiele hier gleich einem Scherenschnitt zum eigentlichen Ausdrucksmedium.
Im ausgestreckten, durch den Blattrand abgeschnittenen Arm vermutet #Erwin Mitsch den Pinsel des Malers, der als an der Staffelei stehend porträtiert worden sei : eine unplausible Lesart, zu der die vor den Körper gehaltene linke Hand nicht recht passen will. Die expressive, über den Blattrand hinausreichende Geste, findet sich häufig in Schieles Werk. Sie verspannt formal die Figur in der Orthogonalität des Papiers und bietet die Möglichkeit für markante Negativflächen unter- und oberhalb des das Blatt in Segmente schneidenden Armes . Auch Schieles grundsätzliches Gestaltungsprinzip der exzentrischen, asymmetisch aus der Mitte gerückten Komposition legt eine primär formal begründete Armhaltung näher als die von #Mitsch angenommene.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 91-92.
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