Sitzender Mädchenakt
Egon Schiele
1910
Obwohl Schiele, wie Kallir (Kallir 2003, S. 78) zu Recht annimmt, erst in Krumau, wo er seit 12. Mai 1910 mit seinen Künstlerfreunden wohnte, „...in einem größeren Umfang kindliche Modelle benutzte...“ dürften manche Kinderakte, wie der mit den röhrenförmigen Extremitäten zerbrechlich wirkende Mädchenenakt, noch in Wien entstanden sein.
Mit einem entschiedenen Sinn für die vom Körper ausgeschnittene „negative“ Form entstehen expressiv ornamentale Gestalten über der Schulter, zwischen den Armen und dem Oberkörper bzw. zwischen den Beinen.
Das Mädchen ist Schiele mehrmals Modell gesessen, wenn die Zeichnungen, die man ihm zuordnen kann, nicht während einer einzigen Sitzung gemacht wurden. Schiele hat auch schon in dieser frühen Zeit nur die Bleistift-Zeichnung vor dem Modell angefertigt; die koloristische Ausmalung mit Aquarell-, Gouachefarben und Deckweiß erfolgte stets nachträglich.
Interessanterweise hat er dieses Modell so sehr mit Deckweiß in der Binnenform koloriert, dass ein denaturierter maskenhafter Eindruck entsteht. Die traurigen Augen liegen schwarz in der Tiefe des Gesichts, das wie eine Larve hinter einer weißen Maske versteckt scheint.
Die Zeichnung belegt einmal mehr, welch ungezwungenes Verhältnis Schiele zu den Mädchen hatte. #Gütersloh hat die Situation im Atelier Schieles überliefert: „Stets haben sich zwei bis drei jüngere oder ältere Mädchen aus der näheren Nachbarschaft, von den Straßen oder aus dem nahegelegenen Schönbrunner Park, bei ihm aufgehalten. Sie waren hässlich oder hübsch, gewaschen oder dreckig, immer froh, für einige Stunden den Schlägen der Eltern entkommen zu sein. Sie zogen sich aus, hoben ihren Rock, ohne Scham, ohne Unsicherheit.“ (zit. nach Nebehay 1980)
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 106.
