Zwei kauernde Mädchen
Egon Schiele
1911
Die Kinderbildnisse von 1911 und 1912 (Inv. 27945, Inv. 27946, Inv. 30541 und Inv. 31171) zählen mit ihrer differenzierten Charakterisierungskunst zu Schieles bedeutendsten Werken. Maltechnisch dominiert in diesem Jahr das Aquarell, nicht die Gouache: An die Stelle der ausdrucksvoll schlingernden Pinselschrift tritt der kontrolliert-freie Fluss der Wasserfarben
Es ist erschreckend, wie wenig Glück und Lachen Schiele in diesen Kindern seiner nächsten Umgebung entdeckt. Gründet das in seiner melancholischer Weltsicht? Oder spiegelt sich in diesen proletarischen Kinderbildnissen nur eine Realität, die der Schmerzlosigkeit und dem kindlichen Glück so wenig Lebensraum gegeben hat?
Die Kinderbildnisse von 1911 zählen mit ihrer differenzierten Charakterisierungskunst zu Schieles bedeutendsten Werken. Maltechnisch dominiert in diesem Jahr das Aquarell, nicht die Gouache: An die Stelle der ausdrucksvoll schlingernden Pinselschrift tritt 1911 der kontrolliert-freie Fluss der Wasserfarben. Die Kauernden Mädchen sind in der Umsetzung der traditionellen Aquarelltechnik des Nass-in-Nass-Malens technische Meisterwerke. Schiele lichtet die Höhungen nur durch die Verdünnung der Farbe mit Wasser auf. Die einzelnen Farbfelder trennt er jedoch weiterhin - dem Bleistiftkontur folgend - scharf voneinander. Mit diesen Farbfeldern strukturiert Schiele die Zeichnung, bis sie, fast blattfüllend, nur mehr Reste des Papiers von Farbe unbedeckt lassen.
Die beiden aneinandergerückten kauernden Mädchen sind in der Vertikalen eng verfugt. Der psychologisch wirksamen Kompaktheit des Paares wegen schließt Schiele auch den äußeren Umriss der Gruppe und verzichtet auf die Darstellung der Beine und Füße der Mädchen. Das Inkarnat ist kaum oder nur sehr hell aquarelliert und kontrastiert dergestalt zu den dunklen Textilien.
Mit der strengen Formalisierung des Bildaufbaus geht jedoch gegenläufig Schieles Interesse an der unverwechselbaren Persönlichkeit jedes einzelnen Mädchens einher: an der besonderen Individualisierung der Kinder. Deren Charakter und Temperament - die nackte Neugierde des älteren schlanken Mädchens hier, das stille Phlegma des jüngeren, molligen dort - stellt Schiele differenziert dar: ein für den Künstler völlig neues Interesse für den Menschen in seiner Einzigartigkeit.
Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 213.
