Gehöft in der Normandie
Paul Cézanne
um 1885-86
Zunächst noch vom Impressionismus ausgehend, sucht Cézanne sukzessive, dem flüchtigen Moment einer Darstellung durch Ordnung und klar gebaute Bildstrukturen zeitlose Dauer zu geben. Das Liniengefüge wird auf ein Minimum beschränkt. Ein System kleinteiliger Farbflächen bestimmt die Bildstruktur, schafft Nähe, Distanz, Helldunkel und plastische Werte. Der farbige Bildkosmos wird aufgebrochen, das Weiß des Bildgrundes wesentlich in die Gestaltung einbezogen. Im Sommer 1885 und 1886 besucht Cézanne den Kunstsammler Victor Chocquet in dessen Landhaus in Hattenville in der Normandie, wo diese Ansicht entstanden ist.
Initially basing his art on Impressionism, Cézanne successively sought to endow its fleeting momentariness with timelessness and permanence through order and clearly organised structural patterns. The fabric of lines is reduced to a minimum. The pictorial structure is governed by a system of coloured fragments that evokes closeness and distance, light and shadow, as well as three-dimensionality. The cosmos of colours is broken up, with the white tone of the picture’s support becoming part of its composition. In the summers of 1885 and 1886, Cézanne visited the art collector Victor Chocquet at his country estate in Hattenville in Normandy, where this scenic view was painted.
Rahmenaußenmaß 73 × 88 × 9 cm
Unter Anleitung seines gleichaltrigen Malerfreunds Pissarro hatte der junge Cézanne einst in Pontoise, unweit von Paris, zum Impressionismus gefunden. In der Abgeschiedenheit seiner südfranzösischen Heimat, in Aix und L'Estaque, versuchte er die atmosphärische Freilichtmalerei mit Hilfe einer klar gebauten Bildstruktur auf eine sicherere Grundlage zu stellen und so dem Flüchtigen, ständig Wechselnden Dauer und Stetigkeit zu verleihen. Klassisch sollte nun seine Malerei werden, wie die ausgewogenen Kompositionen des französischen Barockmalers Nicolas Poussin. «Stellen Sie sich Poussin vor, aber ganz erneuert von der Natur», soll er einem Freund gesagt haben1.
Im Sommer 1885 und im Sommer 1886 besuchte Cezanne einen guten Freund, den Kunstsammler Victor Chocquet, in Hattenville in der Normandie, wo dieser ein einfaches Landhaus besass. Neben anderen Bildern entstand dort auch die vorliegende Darstellung eines bäuerlichen Baumgartens. Auf einer sattgrünen Wiese erheben sich links und rechts je eine Gruppe von Obstbäumen, deren lichtgrüne Kronen sich sanft zur Bildmitte neigen. Im Hintergrund schliesst den Bildraum eine ockerfarbene Hausmauer ab, die ganz bewusst bildflächenparallel angelegt ist. Wie sehr es dem Künstler in diesem Bild darum ging, wie Poussin den Eindruck stiller Grösse zu erreichen, ist unverkennbar. Im Gegensatz zu zeitgenössischen Landschaften von Sisley oder Monet ist nicht ein momentaner Augeneindruck festgehalten; es geht weder um das wechselhafte Spiel von Licht und Schatten, noch ist die Malschicht aus einer Vielzahl dicht ineinander vertriebener Farbtupfer zusammengesetzt. Cezanne reduziert die Palette auf wenige satte Grüntöne, deren Leuchtkraft durch das Ocker im Hintergrund noch gesteigert wird und die mit so breitem Pinsel aufgetragen sind, dass sich die Striche - zumindest auf Distanz - zu grossen monochromen Flächen zusammenschliessen.
1 Paul Cezanne, Über die Kunst: Gespräche mit Gasquet, hg. von Walter Hess, Mittenwald 1980, S. 63.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 36, Nr. 23.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/305599/gehoft-in-der-normandieImage Request