Sonnenblumen
Egon Schiele
1917
Der die letzten drei Jahre das zeichnerische Werk bestimmende Naturalismus hat Schieles grundsätzliches Gestaltungsprinzip der Bindung jeder Form an die Fläche des Bildträgers nicht geschwächt. So wenig ihn bis zuletzt anatomische und perspektivische Richtigkeit zur Darstellung von Schlagschatten, zur Herstellung einer Bodenhaftung seiner Figuren veranlasst hat, so wenig drängte ihn die dem Realismus verpflichtete Modellierung der Gestalten dazu, diesen ein konkretes Umfeld zu geben. Im Gegenteil: Die Landschaften von 1917 und 1918 und die wenigen Stilleben von Krügen und Blumen rechnen wie das Frühwerk von 1910 mit der leeren Flächen des Papiers, obwohl Schiele nun nicht mehr Negativformen zwischen den dargestellten Dingen gestaltpsychologisch aktiviert.
Das gilt auch für die ein Jahr früher entstandenen „Sonnenblumen“ der Albertina. Obwohl es sich dabei um nur ein Motiv handelt, verteilt Schiele die jeweils individuell geformten Blätter und unterschiedlichen Blüten so, dass sich ein vertikal organisiertes abwechslungsreiches Ornament ergibt. Zugleich garantiert die genaue Beobachtung der Natur, dass die Sonnenblumen wie vom heißen Sommerwind bewegt erscheinen: Der Unterschied zum todesschwangeren Symbolismus der absterbenden, vertrocknenden Sonnenblumen von 1910/1911 ist groß; die künstlerische Qualität ist dieselbe geblieben.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 364.
