Häuser mit Renaissancegiebeln
Egon Schiele
1917
Schieles letzte Reise nach Krumau – gemeinsam mit seiner Frau Edith – fand im Sommer 1917 statt. Der Künstler schuf während des kurzen Aufenthalts im Juni nur wenige Zeichnungen, darunter die perspektivisch so ungewöhnliche Ansicht der „Alten Giebelhäuser in Krumau".
Die nicht kolorierte, reine Bleistiftzeichnung sucht das Sotto in su: den Blick hinauf. Schiele war so von der Beschleunigung der Zentralperspektive angetan, dass er hier – wie Rudolf Leopold rekonstruieren konnte (Leopold 1972, S. 664) - zwei Häuser an einer Biegung der Latrongasse als Motiv gewählt hat: So fluchtet das weiter hinten liegende Haus automatisch mehr als das dem Betrachter näherliegende. Schiele wollte die Überschneidungen durch das weit ausladende Gebälk und die Häuserflucht in die Biegung hinein zeigen. Er wollte nicht das topographisch genaue Porträt eines Krumauer Stadtwinkels anfertigen. Darum lässt er sowohl die den äußeren Umriss der Geländekante verunklärende, real aber dahinter auftauchende Jodokuskirche weg, und er ignoriert das große Rundbogentor, um aus der monumentalen Wandfläche des Hauses schlagartig zu den kleinen Fenstern mit ihren offenen und geschlossenen Fensterflügeln wechseln zu können. Dieser dynamischen Konstruktion werden auch die Fenster unter dem im Vordergrund bis zur Hausgrenze gezeichneten Gebälk geopfert, um dessen vektorielle Kraft nicht zu schmälern.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 358.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/3219/hauser-mit-renaissancegiebelnImage Request