Ein Blinder mit ausgestreckten Armen
Peter Paul Rubens
um 1617/18
Der Gesichtsausdruck des blinden Mannes auf dieser Zeichnung ist konzentriert und aufmerksam, sein Blick ist nach innen gekehrt; allein sein Gottvertrauen leitet ihn, mit zur Orientierung ausgestreckten Armen bewegt er sich vorwärts. Rubens hat auf diesem Studienblatt eine Assistenzfigur für das monumentale Altarbild Die Wunder des heiligen Franz Xaver vorbereitet. Das Gemälde entstand um 1617/18 für die Jesuitenkirche in Antwerpen und befindet sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien (Inventarnummer GG 519, https://www.khm.at/de/object/c7af0926b2/§). Auf einer dem Altarbild und dieser Zeichnung vorangegangenen Ölskizze (Wien, KHM, Inventarnummer GG 528, https://www.khm.at/de/object/806beafe15/§) ist das Gebrechen des Mannes noch weniger dramatisch dargestellt: Er sieht schlecht und tastet sich mit einem Stock vorwärts. Rubens sah im weiteren Verlauf seiner Arbeit das Wunder, einem Blinden das Augenlicht zu geben, als wirkungsvoller und beeindruckender an, als einen Mann zu heilen, der nur schlecht sieht. Daher nahm er ihm auf der Zeichnung Brille sowie Stock ab und das Augenlicht weg. Franz Xaver konnte jetzt umso eindrücklicher seine übernatürlichen, gottgegebenen Kräfte entfalten, um das Wunder wahr zu machen.
Franz Xaver war neben dem Ordensgründer Ignatius von Loyola der bedeutendste Heilige des Jesuitenordens. Rubens hat beide Heilige und ihr Wirken auf jeweils einem monumentalen Altarbild für die Jesuiten in Antwerpen gemalt. Sie predigen vor dem Volk und erwirken großartige Wunder. Rubens’ Ziel war es, die Gläubigen in der Kirche zum Staunen zu bringen und von der Wirkkraft der Heiligen zu überzeugen; auf monumentalen Formaten, mit größtmöglichem Realismus und mit dramatischer Malweise sollte der Glaubensinhalt seine Betrachter fesseln. So sah es die gegenreformatorische Kunsttheorie vor, der Rubens ergeben war. Selbst die kleinste Einzelheit einer Assistenzfigur wurde genau durchdacht und mit der Kreide auf dem Papier vom Meister sorgfältig vorbereitet. Mithilfe von Werkstattmitarbeitern hat Rubens dann die Studien auf die Leinwand übertragen und ihnen Farbe gegeben. Besonders in unmittelbarer Nähe des Altarbildes musste man als Gläubiger buchstäblich meinen, Teil einer Menschenmenge zu sein, die zusammen mit Blinden, Krüppeln, Besessenen und Kranken dem Heiligen lauscht und das Wunder erwartet.
Bosch, Bruegel, Rubens, Rembrandt. Meisterwerke der Albertina, hg. von K. A. Schröder und C. Metzger, Albertina, Wien, Ostfildern 2013, Abb. 110, S. 228.
Peter Paul Rubens wurde 1577 in Siegen in Westfalen geboren. Seine Familie stammte ursprünglich aus Antwerpen, wohin die Mutter mit den beiden Söhnen Philipp und Peter Paul nach dem Tod des Vaters aus dem Kölner Exil zurückkehrte. In Antwerpen erhielt Peter Paul eine klassisch humanistische Ausbildung, vervollkommnete seine Erziehung in gräflichen Diensten und konvertierte zum katholischen Glauben. Bei den manieristischen Landschaftsmaler #Tobias Verhaecht lernte er die Malerei, und 1598 wurde er in die Antwerpener Lukasgilde aufgenommen.
Ab 1609 ließ er sich nach einem achtjährigen Aufenthalt in Italien in Antwerpen nieder und wurde Hofmaler des Regentenpaares #Erzherzog Albert und #Isabella Clara Eugenia. Im selben Jahr gründete er eine Werkstatt, die bald die größte und bedeutendste der Südlichen Niederlande wurde. Porträts, Illustrationen für Gebets- und Messbücher, mythologische Schlachtenzyklen und vor allem religiöse Historienbilder wurden von Rubens und seiner Werkstatt in arbeitsteiliger Organisation bewältigt. Abgesehen von genremäßig spezialisierten Mitarbeitern, die z.B. für die Ausführung der vom Meister entworfenen Buchillustrationen oder Stillleben verantwortlich waren, mussten zumeist auch Werkstattmitarbeiter die monumentalen Altarbilder fertigstellen. Dabei hat Rubens zuerst die Bildidee mit einer Ölskizze festgehalten und nach Begutachtung durch den Auftraggeber einzelne Figuren in Form von Zeichnungen gesondert herausgearbeitet. Diese Detailstudien dienten dann den Mitarbeitern als Anleitung zur Übertragung auf das Altarbild.
Besonders nach dem Sieg der Gegenreformation hatte der Klerus in Antwerpen einen ungeheuren Bedarf an Altar- und Wandbildern. Rubens' bedeutendster und größter Auftraggeber war der Jesuitenorden. Die gegenreformatorische Kunsttheorie sah vor, dass jede Einzelheit eines religiösen Historienbildes eine eindringliche Wirkung auf den Betrachter ausüben sollte, ihn zu fesseln und vom Glaubensinhalt zu überzeugen hätte. Diesem Anspruch folgend, waren bei Rubens in erster Linie die menschlichen Figuren der Ausgangspunkt bei der Vermittlung des dargestellten Glaubensinhalts. In ihnen drücken sich Pathos, Leidenschaft und Dramatik eines Themas aus, die sich auf den Betrachter übertragen. Dementsprechend hat der Künstler seine Figuren vor allem hinsichtlich ihrer Bewegung und ihres Ausdrucks genauestens studiert und sie zumeist mit schwarzer Kreide auf Papier sorgfältig vorbereitet.
Besonders wichtig für die gegenreformatorische Propaganda waren Darstellungen vom wundertätigen Wirken von Heiligen, insbesondere der jesuitischen Ordensgründer und Heiligen #Ignatius von Loyola und #Franz Xaver. Die Kreidestudie "Blinder mit ausgestreckten Armen" bereitete die entsprechende Figur innerhalb einer Gruppe von Blinden, Krüppeln, Besessenen und Kranken auf dem Altarbild "Die Wunder des hl. Franz Xaver" (Kunsthistorisches Museum, Wien) vor, das Rubens um 1617/18 gemalt hat. Wie üblich, ging auch diesem Gemälde und seinen Vorstudien eine Ölskizze voraus (Kunsthistorisches Museum, Wien). Erst dann hat Rubens die Grundlage dieses "modellos" die einzelnen Figuren für das riesige Bild mittels Vorzeichnungen genauer studiert und dabei einige Details zwecks größerer Anschaulichkeit und Verständlichkeit für den Betrachter und hinsichtlich der Bildwirkung korrigiert: Auf der Ölskizze ist der Blinde noch ein alter Mann mit unsicherem Gang, der zwar schlecht, aber doch sehend einen Stock umklammert hält, während er auf der Zeichnung dann vollkommen erblindet dargestellt ist. In dieser Form wurde die Figur der Studie dann von einem Werkstattmitglied auf die riesige Leinwand übertragen, um so die Wirksamkeit des Wunders noch gesteigerter und glaubhafter den Gläubigen vor Augen zu führen.
Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 65.
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