Die Rache der Ceres
Pierre Paul Prud'hon
um 1795
Die bildhaft durchgeführte Zeichnung illustriert die Stelle V, 445-461, aus #Ovids Metamorphosen, in der die Göttin Ceres auf der Suche nach ihrer von Hades entführten Tochter Proserpina in der Hütte einer alten Frau gelabt und wegen ihres gierigen Trinkens von dem Knaben Stellio verspottet wird. Zur Strafe verwandelt sie diesen daraufhin in eine Eidechse.
Obwohl Prud´hon für die Wiedergabe dieser Szene nur Feder und Schwarz auf weißem Papier verwendet, gelangt er mit Hilfe eines kleinteiligen, unterschiedlich dichten - der Radiertechnik nahekommenden - Liniensystems trotz sparsamster zeichnerischer Mittel zu höchster malerischer Qualität. Die drei Figuren werden mit von rechts einfallendem, grellem Licht in scharfen Hell-Dunkel-Kontrasten plastisch modelliert und kommen dadurch monumental zur Geltung. Schon die Brüder #Goncourt fühlten sich 1861 an die blockhaften Skulpturen #Michelangelos erinnert (zit. in: AK Paris/New York 1997/98, bei Nr. 33). Die künstlerisch vollendete Zeichnung stellt ein Hauptwerk der Pariser Jahre nach Prud´hons Rückkehr aus Rom dar. Sie stammt aus dem Besitz seines ersten Pariser Mäzens, #Auguste-Louis-César-Hippolyte-Théodose de Lespinasse de Langeac, Comte d´Arlet, der sie mit zwei weiteren Blättern "Der an die Vernunft gekettete Amor wird von Venus verspottet" (AK Paris/New York 1997/98, S. 75 sowie Nr. 31), ihrem Pendant, und "Amor verhöhnt die wegen ihm vergossenen Tränen" (AK Paris/New York 1997/98, Nr. 32) bei Prud´hon in Auftrag gegeben hat. Die drei, in jeweils verschiedener Technik ausgeführten Zeichnungen entstanden als Vorlagen für den Kupferstich, was die minutiöse Zeichenweise, vor allem des Blattes der Albertina, erklärt. Sie wurden von #Jacques-Louis Copia gestochen, 1795 "Die Rache der Ceres" (AK Paris/New York 1997/98, Nr. 34), wobei hier Vorlage und Druck so identisch sind, dass sogar die Gleichseitigkeit beibehalten wurde.
Schon in seinen frühen Jahren zwischen 1776 und 1780 hatte Prud´hon dieses Thema dargestellt. Die Anregung dazu war vermutlich durch seinen in Beaune lebenden Freund und Kunstliebhaber #Jean-Baptiste-Anne-Geneviève Gagniare, Baron de Joursanvault ausgegangen. Dieser war Meister vom Stuhl der Freimaurerloge zur Wohltätigkeit, in die auch Prud´hon auf dessen Empfehlung Zutritt hatte. Es scheint daher naheliegend, die Darstellung der "Labung der Ceres" gleichsam als Illustration auf Ideale der Freimaurer wie Nächstenliebe, Humanität und Toleranz zu beziehen(AK Paris/New York 1997/98, Nr. 2). Prud´hons Zeichnung ist nicht mehr erhalten, wohl aber die danach entstandene Radierung des #Barons de Joursanvault (AK Paris/New York 1997/98, Nr. 2). Diese frühe Version zeigt eine der Albertina-Zeichnung eng verwandte Auffassung, an der sich Prud´hon später offenbar neuerlich orientiert und von der er Einzelheiten wie z.B. die Haltung des Knaben, den Kamin oder die Mauernische mit Krug direkt übernommen hat. Auch die Lichtsituation findet sich ähnlich, in ihrer Wirkung noch verstärkt, wieder. Prud´hon veränderte allerdings das Hoch- in ein Querformat und fügte den Tisch als bildwirksames Zentrum hinzu. Ceres, deren Beine in der Radierung nur mit einem Tuch bedeckt sind, ist nun zur Gänze bekleidet. Ihr Zorn drückt sich in einem wilden, stechenden Blick aus, den die aggressiv wie Schlangen in Richtung Stellios züngelnden Ähren in ihrem Haar noch eindrucksvoll verstärken.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 552, Nr. 252l
