Betende Hände (Detail aus dem "Heller-Altar")
Albrecht Dürer
1508
Das Hauptwerk der Heller-Gruppe, Die betenden Hände (Inv. 3113), findet sich im Altarbild bei einem kniend adorierenden Apostel rechts der leeren Grabtumba wieder. Zu dieser Figur gehören auch die auf ein großes Querformat platzierten Arm- und Draperiestudien (Inv. 3115). Zur Orientierung: Das zentrale Gewandstück, das sich sanft fließend auf einer Vertikalen entwickelt, entspricht dem lose über die Schulter gelegten Mantel; die Arme, die schließlich zu den betenden Händen gehören, setzen allerdings nicht am Ärmel an, sondern dort, wo im Gemälde etwa der Oberschenkel der Figur verläuft; die Draperie rechts liegt in der gemalten Fassung über den Knien. Das Blatt mit dem mit weit aufgerissenen Augen nach oben blickenden bärtigen Haupt (Inv. 3112) bereitet den Kopf desselben Apostels vor. Die Zeichnung teilte sich ursprünglich mit den betenden Händen einen querformatigen Bogen, was für Letztere das Fehlen von Datierung und Monogramm erklärt.
Zwischen 1507 und 1509 entstand der so genannte "Heller-Altar", das letzte als Flügelaltar intendierte Altarwerk Dürers. Bereits 1506 hatte er mit dem "Rosenkranzbild" in Venedig seinen ersten Eintafelaltar geschaffen, dessen Typus er dann auch nördlich der Alpen mit dem so genannten "Landauer-Altar", heute im Kunsthistorischen Museum in Wien, zum ersten Mal einführte. Der "Heller-Altar" setzt hingegen noch die Tradition des spätgotischen Flügelaltars fort. Er entstand im Auftrag des Frankfurter Kaufmanns und Ratsherrn #Jakob Heller, der den Altar der Frankfurter Dominikanerkirche stiftete. 1613 wurde der nach dem Stifter benannte Altar von #Herzog Maximilian I. von Bayern erworben und das Original in der Kirche durch eine Kopie von #Jobst Harrich ersetzt. Letztere befindet sich heute im Historischen Museum in Frankfurt und ist - abgesehen von den vorbereitenden Studien in der Albertina - der einzige Beleg von Dürers Altarwerk, das 1729 bei einem Brand in der Münchner Residenz zerstört worden ist.
Auf die mittlere Tafel des Altars malte Dürer eine Himmelfahrt und Krönung Mariens. In der vielfigurigen Szene befindet sich unter anderem ein Apostel mit zum Gebet gefalteten Händen, die der Künstler mit der vorliegenden Studie vorbereitet hat. Mit feinem Pinsel, gewässerter Tusche und Deckweiß hat Dürer die Hände auf ein grundiertes und blau gefärbtes Papier gezeichnet. Durch den differenzierten Einsatz des weißen und grauen Pinsels und ein abwechselnd dicht und locker gezeichnetes Netz von Parallel- und Kreuzschraffuren sind die Helldunkelverhältnisse festgelegt, die Lichtführung bestimmt und die feinen Sehnen und Adern sowie die kleinen Falten der Haut wirklichkeitsnah herausmodelliert. Genau dieselben Merkmale finden sich in der Studie eines sich ebenfalls in der Albertina befindlichen "Apostelkopfes" (Inv.-Nr. 3112), der ursprünglich links von den "Betenden Händen" gezeichnet war und mit diesen zusammen eine Einheit bildete. Dieses Blatt ist zu einem heute unbekannten Zeitpunkt auseinandergeschnitten worden, und nur die fragmentierte, kaum auffallende Zeichnung der Schulter des "Apostelkopfes" in der linken unteren Ecke der "Betenden Hände" legt von den ursprünglichen Verhältnissen Zeugnis ab.
Offenbar hat Dürer die Figuren des "Heller-Altars" genauestens durch Einzelstudien vorbereitet: auf einem Blatt jeweils durch Kopf- und Handstudien der einzelnen Figuren, auf einem separaten Blatt dann durch Gewandstudien. Scheinbar wusste Dürer bereits im Stadium der Vorbereitung ganz genau, wie er die Figuren auf dem Altarbild anlegen wollte: Dort befindet sich der Apostel auf der rechten Hälfte der Tafel, sodass die linke Körperhälfte die von der Lichtführung erfasste Schauseite darstellt. Sowohl die Studie des "Apostelkopfes" (Inv. 3112) als auch jene der "Betenden Händen" konnten dadurch dieselben Größenverhältnisse erhalten, mit derselben Lichtführung und mit denselben Helldunkelverhältnissen versehen werden.
Durch die Trennung in zwei Blätter aus ihrem Zusammenhang gerissen, ist die ursprüngliche Bedeutung und das Wissen um die eigentliche kompositorische Zielsetzung der beiden Entwürfe später verlorengegangen: Studierte Dürer im eigentlichen Zustand des Blattes Apostelkopf und Hände in einem völlig identen Helldunkel und in Hinblick auf eine einheitliche Lichtführung, so sind die zum Gebet gefalteten Hände in ihrem isolierten Zustand zum Inbegriff tiefer Pietät geworden, und schmücken heute in Form von Nachahmungen so manchen Herrgottswinkel oder werden als Devotionalie von der Kitschindustrie verbreitet.
Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 10.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/40233/betende-hande-detail-aus-dem-helleraltarImage Request