Egon Schiele, Weiblicher Akt, Inv. Nr.: 25143
Weiblicher Akt
Egon Schiele, Weiblicher Akt, Inv. Nr.: 25143
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Weiblicher Akt

Egon Schiele

1910




Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1910
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift auf braunem Packpapier
Dimensions54,2 × 38 cm
Rahmenaußenmaß 75,6 × 58,9 × 3,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number25143
Text

Während Schiele die Knaben ohne jegliche Erotisierung und sexuelle Konnotation dargestellt hat, sind seine Mädchenakte selten reine Präsentation des Köpers. Außer dem Künstler selbst wird kein Knabe oder Mann beim Onanieren dargestellt. Weibliche Masturbation hingegen inszeniert Schiele auch bei sehr jungen Mädchen. Diese weiblichen Akte präsentieren sich und ihren erotischen Leib immer in Bezug auf den Betrachter. Das konkludente Einverständnis zwischen der Verführerin und dem männlichen Ziel der Verführung, zwischen der Autoerotik und dem Genuss bei der voyeuristischen Betrachtung dieser intimen Szenen macht die entsprechenden Werke Schieles bis heute so schwer beschreibbar: Gerät doch jede präzise Schilderung des Kunstwerks zu einer unterschwelligen Konfession. Auch wenn es aus der historischen Distanz schwer fällt, die Pathologisierung der Onanie zu verstehen - die dominierende medizinhygienische Vorstellung um 1900 hält Onanie für das Resultat und die Ursache geistiger Erkrankung - so ist dies doch der zeitgeschichtliche Hintergrund, vor dem Schieles Verstoß gegen die Konventionen der Darstellbarkeit des nackten Körpers betrachtet werden muss.

In Krumau beginnt Schiele systematisch, Kinderbildnisse zu zeichnen. Im Juni 1910 nach Wien zurückgekehrt, häufen sich Akte von Mädchen, unter denen einem schwarzhaarigen Schieles besondere Aufmerksamkeit gilt. Auch 1911 wird er auf dieses dreizehn- oder vierzehnjährige Mädchen für die Darstellung jugendlicher Sexualität zurückgreifen.

Die Bleistiftzeichnung "Weiblicher Akt" ist durch ihren überlieferten Zustand ein Beleg für die Verdrängung der kindlichen Sexualität. Dieses von Schiele über zwei Jahre lang häufig gezeichnete Modell spielt hier das aufreizende Wechselspiel zwischen Scham und Schamlosigkeit, zwischen Verhüllung und Entblößung unter Zuhilfenahme eines tuchähnlichen Umhangs. Dieses schwarzhaarige Modell beherrschte offensichtlich auch auf kongeniale Weise die von Schiele so sehr bevorzugten Gesten. In der Albertina-Zeichnung staucht die linke Hand das Augenlid leicht zusammen, während sie beim berühmten Selbstbildnis von 1910 (Inv. 30395) das untere Lid des rechten Auges nach unten zieht. In unterschiedlicher Weise taucht diese auf das Auge bezogene Geste oft bei Schiele auf. In einer wesentlichen Abweichung vom kodifizierten Typus des Melancholie-Gestus, bei dem der Kopf jedenfalls schwer in der Hand liegt und abgestützt wird, steht bei Schieles Auge-Hand-Konstellation die demonstrative Absicht des Verweises auf den priviligierten Sehsinn nach Müller-Tamm (Müller-Tamm 1995, S. 29) im Vordergrund : es ist die Darstellung des Sehens selbst, des Auges als "Kontakter" zum Betrachter.

In dieser Zeichnung findet der demonstrativ - forcierte Augenkontakt zum Betrachter seine symmetrische Entsprechung im Geschlecht, das das Zentrum der unteren Blatthälfte besetzt. Ein Vorbesitzer hat die "Geschlechtshälfte" der Zeichnung verborgen und das Blatt in der Mitte geknickt und über einen Karton umgeschlagen. Dadurch wurden die beiden einander gegenübergestellten Pole von Auge und Geschlecht, Geist und Trieb ihres gegenseitig bedingenden Spannungsverhältnisses beraubt. Die Zeichnung ist Ende 1910 zu datieren. Eine Restaurierung des Blattes 2004/05 - nach Entfernung der Restfasern in der Bruchfalte wurden die beiden Blatthälften wieder zusammengefügt - stellt nun wieder die künstlerische Integrität des Werkes und seiner ursprünglichen Aussage her.

Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 118-124.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 583
  • Bibliography
  • Zsolnay 1981, nach S. 224
  • Hobhouse 1988, Abb. 43
  • AK Albertina, 1990, Nr. 58, Abb.
  • AK Mailand 2000, S. 52, Abb.
  • AK Amsterdam 2005, S. 68, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 52
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 117
  • Provenance
  • Übernahme von der Österreichischen Galerie 1927

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    Last edited29.11.2024