Egon Schiele, Rückenansicht zweier Knaben, Inv. Nr.: 23635
Rückenansicht zweier Knaben
Egon Schiele, Rückenansicht zweier Knaben, Inv. Nr.: 23635
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Rückenansicht zweier Knaben

Egon Schiele

1910




In der zweiten Hälfte des Jahres 1910 ändert sich die Farbskala Egon Schieles: Statt der expressiven Farbkontraste verwendet der Künstler bevorzugt gedämpfte Töne. Vor allem in den Knabenbildnissen wird dies deutlich.

Trotz der fast genreartigen Auffassung dieser Rückenansicht zweier Knaben bleibt Schiele seinem Konzept treu, keine Hinweise auf die reale Lebenswelt zu geben: Die beiden von hinten betrachteten Knaben sitzen als Form abstrakt auf dem braunen Packpapier und verraten nicht, was in der Ferne ihre Aufmerksamkeit fesselt. Sie werden aus ihrem raum-zeitlichen Umfeld isoliert.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1910
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Aquarell, Deckfarben auf braunem Packpapier
Dimensions45 x 27 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number23635
SignedM.l. "S.10"
Text

Mit seiner Flucht nach Krumau aus dem ihn bedrückenden Wien ändert sich Schieles Stil deutlich, wie unter anderem an seinen Kinderbildnissen ablesbar ist. Eine schmale Skala von gedämpften Tönen verdrängt die krassen Farbkontraste der ersten Jahreshälfte. Die Knabenbildnisse der Ablertina, die unseres Erachtens in Krumau entstanden sind, zeigen Schieles Vorliebe für gedeckte Töne, dunkles Braun, Mauve, Blau und Ocker – schließlich auch Schwarz im Inkarnat. Trotz der genreartigen Auffassung bleibt Schiele seinem Konzept treu, keine Hinweise auf die reale Lebenswelt zu geben.

Die im fliehenden Profil von hinten betrachteten zwei Knaben sitzen als Form und Gestalt wie ihre Vorgänger abstrakt auf dem braunen Packpapier und verraten nicht, was in der Ferne ihre Aufmerksamkeit fesselt.

Die fehlende räumliche Orientierung und äußerliche Motivierung der Blickrichtung der Kinder bedeutet nicht, dass Schiele auf eine mimisch-emotionale Charakterisierung der Kindermodelle verzichtet.

  

Es lohnt, Schieles Standardisierung der Körperhaltungen und Gesten zu vergegenwärtigen, um unsere Vorstellung von der Selbstbestimmung der Modelle zu korrigieren. Was im einzelnen Fall wie eine natürliche Körperhaltung wirkt, stellt sich als ein neues Vokabular dar. Nichtsdestoweniger ist der körpersprachliche Ausdruck von Schiele inszeniert und erfunden worden. Er wird vom Künstler dem Modell diktiert. Er ist nicht der natürliche Abdruck des Lebens.

Der hinter diesem Formalismus stehende hohe Abstraktionsgrad der Zeichnungen und Aquarelle wird jedoch angesichts der Individualisierung der Körper und Gesichter kaum wahrgenommen.

gekürzt aus: Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 110.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 464
  • Bibliography
  • AK Albertina Wien, 1943, Nr. 37
  • AK Albertina Wien, 1948, Nr. 85
  • Mitsch 1961, S. 25 (1969, Abb. 19)
  • AK Albertina Wien, 1968, Nr. 159, Abb.
  • AK Albertina Wien, 1990, Nr. 46, Abb.
  • AK Mailand, 2000, S. 67, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 44
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 30
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 58 (in spanischer Sprache)
  • Provenance
  • 1924 erworben in der Galerie Nebehay, Wien

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/3023/ruckenansicht-zweier-knabenImage Request
    Last edited15.11.2019