Selbstbildnis als Rückenakt
Egon Schiele
1910
Der stehende männliche Rückenakt dürfte wohl als Selbstporträt verstanden werden; das legen die jeweiligen dazugehörigen Blätter nahe, auf denen der Künstler erkennbar ist. 1910 hat Schiele eine Reihe an Selbstbildnissen gezeichnet, bei denen er mehrere Spiegel verwendet, um schwer zugängliche Ansichten des eigenen Körpers zu gewinnen.
Die Ungewöhnlichkeit, sich selbst nackt darzustellen, erhellt der Umstand, dass vor 1910 das Akt-Selbstbildnis absolut unüblich war. Das prominenteste und zugleich künstlerisch legitimierte Beispiel eines Selbstakts war die Zeichnung #Dürers „Selbstbildnis als Akt“ von 1506 (Graphische Sammlung Weimar). Schieles Ikonographie des geschundenen Leibes ist Chiffre für den leidenden Künstler schlechthin. (vgl. Schröder 1995, S. 54 ff.) Mit Schiele wird der Künstler erstmals in der Geschichte systematisch hässlich und obszön, ein hinfälliger Leib.
Der Selbst-Rückenakt dokumentiert diesen Prozess der Selbststilisierung des Künstlers als tuberkulöse Erscheinung. In der realistischen Ansicht präsentiert sich uns zwar noch ein kräftiger, wohlgeformter Körper, aber Schieles Stilistik des spitzen Aneinanderfügens von konkaven Formen verleiht dem Kontur eine durch Außendruck gepresste Erscheinung. Durch die Hinterfangung mit Deckweiß wird der Rückenakt verräumlicht.
In dem 1911 erschienenen Aufsatz über Egon Schiele betont #Albert Paris Gütersloh das Symbolische der Kunst seines Freundes. Schiele male „... die schrecklichen Geister, die die Mitternachtsseele des Künstlers plötzlich betreten, so ... wie sie hereinkommen, nicht so, wie sie, verblasst von der Gewohnheit zu langen Ansehens, fortgehen ... Auch das Morbide, Lasterhafte, Zotige einer Figur, einer Linie, einer Geste hat ... einen Hintersinn, ist Chiffre und Stenogramm ... (Schiele) gibt einen Sinn, der weit über dem vermuteten steht.“ (zit. nach Nebehay 1980, S. 100 f.)
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