Egon Schiele, Selbstbildnis als Rückenakt, Inv. Nr.: 31251
Selbstbildnis als Rückenakt
Egon Schiele, Selbstbildnis als Rückenakt, Inv. Nr.: 31251
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien Copyright: Gemeinfrei

Selbstbildnis als Rückenakt

Egon Schiele

1910




Schieles Selbst-Rückenakt präsentiert uns zwar einen wohlgeformten Körper, doch hat der Prozess der Selbststilisierung als tuberkulöse Erscheinung bereits begonnen. Das schräg ins Bild stürzende Aktselbstbildnis zeigt uns ein abweisendes Gesicht; der diagonal angelegte Körper durchschneidet das dadurch aus der vertikalen Statik geworfene Blatt. Im pfahlartig aufragenden Selbstbildnis ist die erbarmungswürdige Erscheinung des nur aus Haut und Knochen bestehenden Künstlers nicht weniger instabil. Die Darstellungen widersprechen jeglichem akademischen Ideal eines schönen Körpers: Schieles Ikonografie des geschundenen Leibes wird zur Chiffre für den leidenden Künstler schlechthin.


Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1910
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Aquarell, Deckweiß auf braunem Packpapier
Dimensions44,7 × 31,5 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number31251
Signedl.u. "S"; r.u. "S.1910."
Text

Der stehende männliche Rückenakt dürfte wohl als Selbstporträt verstanden werden; das legen die jeweiligen dazugehörigen Blätter nahe, auf denen der Künstler erkennbar ist. 1910 hat Schiele eine Reihe an Selbstbildnissen gezeichnet, bei denen er mehrere Spiegel verwendet, um schwer zugängliche Ansichten des eigenen Körpers zu gewinnen.

 

Die Ungewöhnlichkeit, sich selbst nackt darzustellen, erhellt der Umstand, dass vor 1910 das Akt-Selbstbildnis absolut unüblich war. Das prominenteste und zugleich künstlerisch legitimierte Beispiel eines Selbstakts war die Zeichnung #Dürers „Selbstbildnis als Akt“ von 1506 (Graphische Sammlung Weimar). Schieles Ikonographie des geschundenen Leibes ist Chiffre für den leidenden Künstler schlechthin. (vgl. Schröder 1995, S. 54 ff.) Mit Schiele wird der Künstler erstmals in der Geschichte systematisch hässlich und obszön, ein hinfälliger Leib.

 

Der Selbst-Rückenakt dokumentiert diesen Prozess der Selbststilisierung des Künstlers als tuberkulöse Erscheinung. In der realistischen Ansicht präsentiert sich uns zwar noch ein kräftiger, wohlgeformter Körper, aber Schieles Stilistik des spitzen Aneinanderfügens von konkaven Formen verleiht dem Kontur eine durch Außendruck gepresste Erscheinung. Durch die Hinterfangung mit Deckweiß wird der Rückenakt verräumlicht.

 

In dem 1911 erschienenen Aufsatz über Egon Schiele betont #Albert Paris Gütersloh das Symbolische der Kunst seines Freundes. Schiele male „... die schrecklichen Geister, die die Mitternachtsseele des Künstlers plötzlich betreten, so ... wie sie hereinkommen, nicht so, wie sie, verblasst von der Gewohnheit zu langen Ansehens, fortgehen ... Auch das Morbide, Lasterhafte, Zotige einer Figur, einer Linie, einer Geste hat ... einen Hintersinn, ist Chiffre und Stenogramm ... (Schiele) gibt einen Sinn, der weit über dem vermuteten steht.“ (zit. nach Nebehay 1980, S. 100 f.)

 

 

gekürzt aus: Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 159.
Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 674
  • Bibliography
  • AK Albertina 1948, Nr. 2
  • AK São Paulo 1957, Nr. 12
  • AK Zürich 1958, Nr. 33
  • AK Albertina 1959 a, Nr. 36
  • Comini 1974, Abb. 69
  • AK Albertina 1990, Nr. 27, Abb.
  • AK Amsterdam 2005, S. 54, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 73
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 78-79 (in spanischer Sprache)
  • Provenance
  • 1952 erworben von Arthur Roessler (1877-1955), Wien

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    Last edited25.08.2023