Vier Frauen auf Sockel
Alberto Giacometti
1950
Im Zentrum von Giacomettis Werk steht die menschliche Figur. Ausgehend vom ägyptischen Formenkanon gelangt er mit seinen stilisierten, zumeist langgezogenen, zerklüfteten Gestalten zu seinen ureigensten Schöpfungen. 1950 schreibt er an Matisse, dass ihn vier Frauen in der Pariser Bar Le Sphinx, einem von ihm frequentierten Nachtclub, zu diesen Figuren inspiriert hätten. Er habe sie als attraktiv und abstoßend zugleich empfunden.
The focus of Giacometti’s art is on the human figure. Starting out from the Egyptian canon of form, the artist arrived at his innately characteristic creations with his stylised, mostly elongated and ragged figures. In 1950 he wrote to Matisse that his inspiration for the present work had been four women in the Parisian bar Le Sphinx, a nightclub he frequented. He found them attractive and repulsive at the same time.
Neben gerade dastehenden Einzelfiguren treten in Alberto Giacomettis plastischem Schaffen um 1950 auch ganze Figurengruppen auf, wobei die Figuren bald nebeneinander aufgereiht, bald frei auf einem platzartigen Grund verteilt sind. Im vorliegenden Beispiel stehen die vier spindeldürren weiblichen Gestalten auf einem quer gelagerten massiven Sockel, aus dem sie herauszuragen scheinen wie die Spitzen einer Gabel. Obschon sie wie immer nur sehr schemenhaft ausgearbeitet sind, lässt sich klar erkennen, dass es sich um Frauen handelt, wobei sich jede in Größe und Haltung von den anderen unterscheidet. Wichtiger als dies ist jedoch das Verbindende unter ihnen. Die Tatsache, dass sie alle hoch aufgerichtet, still und bewegungslos nebeneinander stehen, verleiht ihnen etwas Steifes und Zeremonielles. Sie wirken fast wie Priesterinnen bei einem archaischen Tempelritual. Die gleiche ungewöhnliche Kompositionsidee tritt bei Giacometti um 1950 auch in seinen Zeichnungen auf, so in Rue de l'Echaude (Sammlung Adrien Maeght, Paris). Aufschlussreich ist der Titel der Zeichnung: die Rue de l'Echaude gehörte zu einem ziemlich verrufenen Quartier in Paris. Mit den vier Frauengestalten könnten also sehr wohl vier Prostituierte gemeint sein, die in einem Bordell ihre Körper feilbieten.1 Genauso interessant mutet die ebenfalls 1950 entstandene Bronzeplastik mit dem Titel Vier kleine Figuren auf einer Basis (Sammlung Adrien Maeght, Paris) an. Figuren und Sockel thronen hier auf einem extrem langbeinigen Podest, was die Figuren noch unnahbarer und entrückter erscheinen lässt.
1 Yves Bonnefoy, Alberto Giacometti: biographie d´une œuvre, Paris 1991, S 340.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 332., Nr. 73.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/en/objects/305649/vier-frauen-auf-sockelImage Request