Bildnis von Annette
Alberto Giacometti
1958
Giacomettis
liebstes Modell war seine Frau Annette, die er 1942 in Genf kennenlernt. 1946 folgt
sie ihm nach Paris, wo die beiden 1949 heiraten. Für die junge, lebenslustige
Frau beginnt kein leichtes Leben. Statt Einrichtungsgegenstände zu kaufen, malt
Giacometti ein Stillleben an die Wand. Selbst als sein Ruhm wächst, will er
seine bescheidene Unterkunft nicht gegen eine komfortablere Wohnung tauschen.
Hinzu kommt, dass das Modellsitzen eine wahre Tortur bedeutet. Giacometti gibt
sich nicht mit einem flüchtigen Festhalten des Äußeren zufrieden. Er will hinter
die Oberfläche des Sichtbaren vordringen. Ebenso wenig wie
physiognomische Genauigkeit interessiert ihn die Psychologie; er zielt auf das
Wesen des Menschen im Ganzen und dessen Konfrontation mit der als Gefahr
empfundenen Außenwelt.
Giacometti’s favourite model was his wife, Annette, whom he had met in Geneva in 1942. In 1946 she followed him to Paris, where they married in 1949. A difficult life began for the young, fun-loving woman. Instead of buying furniture, Giacometti painted a still life onto the wall. Even as his fame rose, he refused to exchange his modest dwelling for a more comfortable apartment. Moreover, posing meant a real torture. Giacometti was not satisfied with superficially capturing his sitter’s present appearance, but was determined to look behind the visible surface. He was neither interested in physiognomic accuracy nor in psychology, but sought to render the nature of human beings as a whole and depict them in their confrontation with the exterior world, which was perceived as hostile.
Rahmenaußenmaß (DLR-GE44DL): 88,5 × 78 × 6,5 cm
Außer dem Bruder Diego war Giacomettis liebstes Modell seine Frau Annette. Ihr Abbild erscheint in seinem plastischen, malerischen und zeichnerischen Werk in allen erdenklichen Variationen: als Ganzfigur, nackt oder bekleidet, wie hier als Büste oder auch bloß als Kopf. Annette Arm, die gegen zwanzig Jahre jünger war als Giacometti,
hatte diesen während dem Zweiten Weltkrieg in Genf kennengelernt und war ihm 1946 nach Paris gefolgt, wo die beiden 1949 heirateten. Damit begann für die junge Frau ein nicht eben leichtes Leben. Selbst als Giacomettis Ruhm ständig wuchs und er immer mehr Geld verdiente, konnte er sich nie dazu entschließen, sein höchst bescheidenes Logis im Quartier Montparnasse aufzugeben und gegen eine komfortablere Unterkunft einzutauschen. Hinzu kam, dass das Modellsitzen oft eine wahre Tortur bedeutete. Nirgendwo in seinem Werk setzte der Künstler die Ansprüche höher als in der Bildnismalerei. Anstatt sich mit einem flüchtigen Festhalten des Äußeren zufrieden zu geben, setzte er sich zum Ziel, hinter die Oberfläche des Sichtbaren vorzudringen, um so das wahre Wesen des Modells zu erfassen. «Es geht darum, eine vollständige Ganzheit auf einmal zu machen», soll er einmal gesagt haben.1 Dies aber bedeutet, dass das Modell ebenso lebendig und unfassbar erscheinen sollte wie in der Wirklichkeit.
Es erstaunt daher nicht, dass in Alberto Giacomettis Porträts der Hintergrund oft nur als nebelig trübe Folie erscheint, hie und da gegliedert durch ein mit schwarzer Farbe aufgetragenes zittriges Liniengerüst. Es erklärt andererseits auch, weshalb Giacometti nie müde wurde, die Gesichter seiner Modelle zu überarbeiten. Mit ihren starrenden Augen und ihrem finsteren Gesichtsausdruck eignet seinen Figuren manchmal etwas fast Erschreckendes. Wen wundert es da noch zu erfahren, dass die meisten dieser Bildnisse nachts gemalt wurden, im trüben Dämmerlicht des Ateliers? Und ist es nicht bezeichnend, dass Giacometti das rote Kleid, das die junge Frau auf dem vorliegenden Bild zum Modellsitzen trug, nachträglich mit flüchtigen Pinselstrichen in Weiss und Grau übermalte?
1 Zitiert nach Valerie J. Fletcher. Alberto Giacometti: The paintings,.Ph. D., Columbia University 1994, S. 342.
zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 338, Nr. 76.
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