Alberto Giacometti, Bildnis von Annette, Inv. Nr.: GE44DL
Bildnis von Annette
Alberto Giacometti, Bildnis von Annette, Inv. Nr.: GE44DL
Credit: ALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner Image: ALBERTINA, Wien Copyright: © Succession Alberto Giacometti / Bildrecht, Wien 2026

Bildnis von Annette

Alberto Giacometti

1958




Giacomettis liebstes Modell war seine Frau Annette, die er 1942 in Genf kennenlernt. 1946 folgt sie ihm nach Paris, wo die beiden 1949 heiraten. Für die junge, lebenslustige Frau beginnt kein leichtes Leben. Statt Einrichtungsgegenstände zu kaufen, malt Giacometti ein Stillleben an die Wand. Selbst als sein Ruhm wächst, will er seine bescheidene Unterkunft nicht gegen eine komfortablere Wohnung tauschen. Hinzu kommt, dass das Modellsitzen eine wahre Tortur bedeutet. Giacometti gibt sich nicht mit einem flüchtigen Festhalten des Äußeren zufrieden. Er will hinter die Oberfläche des Sichtbaren vordringen. Ebenso wenig wie physiognomische Genauigkeit interessiert ihn die Psychologie; er zielt auf das Wesen des Menschen im Ganzen und dessen Konfrontation mit der als Gefahr empfundenen Außenwelt.






Giacometti’s favourite model was his wife, Annette, whom he had met in Geneva in 1942. In 1946 she followed him to Paris, where they married in 1949. A difficult life began for the young, fun-loving woman. Instead of buying furniture, Giacometti painted a still life onto the wall. Even as his fame rose, he refused to exchange his modest dwelling for a more comfortable apartment. Moreover, posing meant a real torture. Giacometti was not satisfied with superficially capturing his sitter’s present appearance, but was determined to look behind the visible surface. He was neither interested in physiognomic accuracy nor in psychology, but sought to render the nature of human beings as a whole and depict them in their confrontation with the exterior world, which was perceived as hostile.



Künstler:in (Borgonovo 1901 - 1966 Chur)
Date1958
Object TypeGemälde
Object typePainting
Materials / TechniquesÖl auf Leinwand
Dimensions65 × 54 cm
Rahmenaußenmaß (DLR-GE44DL): 88,5 × 78 × 6,5 cm
CreditALBERTINA, Wien - Sammlung Batliner
Object numberGE44DL
SignedBez. r.u. "Alberto Giacometti"
Text

Außer dem Bruder Diego war Giacomettis liebstes Modell seine Frau Annette. Ihr Abbild erscheint in seinem plastischen, malerischen und zeichnerischen Werk in allen erdenklichen Variationen: als Ganzfigur, nackt oder bekleidet, wie hier als Büste oder auch bloß als Kopf. Annette Arm, die gegen zwanzig Jahre jünger war als Giacometti,
hatte diesen
während dem Zweiten Weltkrieg in Genf kennengelernt und war ihm 1946 nach Paris gefolgt, wo die beiden 1949 heirateten. Damit begann für die junge Frau ein nicht eben leichtes Leben. Selbst als Giacomettis Ruhm ständig wuchs und er immer mehr Geld verdiente, konnte er sich nie dazu entschließen, sein höchst bescheidenes Logis im Quartier Montparnasse aufzugeben und gegen eine komfortablere Unterkunft einzutauschen. Hinzu kam, dass das Modellsitzen oft eine wahre Tortur bedeutete. Nirgendwo in seinem Werk setzte der Künstler die Ansprüche höher als in der Bildnismalerei. Anstatt sich mit einem flüchtigen Festhalten des Äußeren zufrieden zu geben, setzte er sich zum Ziel, hinter die Oberfläche des Sichtbaren vorzudringen, um so das wahre Wesen des Modells zu erfassen. «Es geht darum, eine vollständige Ganzheit auf einmal zu machen», soll er einmal gesagt haben.1  Dies aber bedeutet, dass das Modell ebenso lebendig und unfassbar erscheinen sollte wie in der Wirklichkeit.
Es erstaunt daher nicht, dass in Alberto Giacomettis Porträts der Hintergrund oft nur als nebelig trübe Folie erscheint, hie und da gegliedert durch ein mit schwarzer Farbe aufgetragenes zittriges Liniengerüst. Es erklärt andererseits auch, weshalb Giacometti nie müde wurde, die Gesichter seiner Modelle zu überarbeiten. Mit ihren starrenden Augen und ihrem finsteren Gesichtsausdruck eignet seinen Figuren manchmal etwas fast Erschreckendes. Wen wundert es da noch zu erfahren, dass die meisten dieser Bildnisse nachts gemalt wurden, im trüben Dämmerlicht des Ateliers? Und ist es nicht bezeichnend, dass Giacometti das rote Kleid, das die junge Frau auf dem vorliegenden Bild zum Modellsitzen trug, nachträglich mit flüchtigen Pinselstrichen in Weiss und Grau übermalte?

 1 Zitiert nach Valerie J. Fletcher. Alberto Giacometti: The paintings,.Ph. D., Columbia University 1994, S. 342.


zitiert aus: R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 338,  Nr. 76.

Catalogue raisonné
  • Koella/Billeter 2005, 76
  • AK Wien, Albertina, 2007/08, Nr. 242
  • Bibliography
  • R. & H. Batliner Art Foundation (Hg.), Rudolf Koella (Konzept und Red.)/Felix Billeter (Wiss. Mitarb.), Verborgene Meisterwerke (Kat. Best. R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz 2005), Wien 2005, S. 338, Nr. 76, Abb. S. 339
  • Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner, Albertina, Wien 2007/2008, S. 363, Kat. 242
  • AK Das Porträt im Wandel der Zeit, Krems 2009, Abb.S. 42
  • Ausstellungen (laut Koella/Billeter): Portraits et figures, Galerie Beyeler, Basel 1982, Nr. 42
  • Alberto Giacometti, Saibu 1983, Nr. 61
  • Alberto Giacometti, Museo comunale d´arte moderna, Ascona 1985, Nr. 18
  • Alberto Giacometti, Fondation Pierre Gianadda, Martigny 1986, Nr. 172
  • Alberto Giacometti, Nationalgalerie Berlin/Staatsgalerie Stuttgart 1987/1988, Nr. 201
  • Alberto Giacometti, Galerie Beyeler, Basel 1990, Nr. 51
  • Das Auge des Sammlers - Monet bis Picasso, Bank Austria Kunstforum Wien, 1998, S. 229, Abb. S. 231, Kat. 37
  • Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner, Albertina, Wien 2007/2008, S. 363, Kat. 242
  • Das Porträt im Wandel der Zeit, Kunsthalle Krems, 2009, Abb. S. 42
  • Online resources
    zum Werk

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    Last edited08.07.2026