Orpheus
Hans Wechtlin
um 1510-1512
Der aus Straßburg gebürtige Künstler Hans Wechtlin war neben seiner noch wenig erforschten Tätigkeit als Maler vielfach als Entwerfer von Holzschnitten tätig. Am bekanntesten ist eine umfangreiche Serie von Holzschnitten mit Szenen aus dem Leben Christi (Klein 2006–2007, Bd. 2, Ill. 1ff.), von der ein Hauptteil erstmals um 1506 und mit deutschem Text 1508 bei dem Straßburger Drucker und Verleger Johann Knobloch herausgegeben wurde.
Weit bedeutender sind Wechtlins Clair-obscur-Holzschnitte, die kompositionell differenzierter und reichhaltiger gestaltet sind und zu den frühsten Beispielen zählen, die Themen und Stilelemente der Renaissance in die deutsche Druckgraphik eingeführt haben. Die zwölf bekannten chiaroscuri sind außerordentlich selten und waren wohl für einen auserlesenen Kreis humanistisch gebildeter Kunstliebhaber bestimmt. Sie sind stilistisch zudem sehr einheitlich, wobei ein zweifellos reifes Blatt aus dieser Gruppe in einer 1512 datierten Kopie festgehalten wurde und somit in diesem Jahr oder zuvor entstanden sein muss. Der Künstler schuf die Clair-obscur- Holzschnitte wohl um 1510 bis 1512, somit zur gleichen Zeit, als sich auch Baldung in Straßburg mit der neuen Technik befasste.
Das vorliegende Blatt zeigt die mythische Gestalt des Orpheus, der, inmitten der Natur sitzend, durch seinen Gesang und sein Saitenspiel die Tiere der Wildnis, Scharen von Vögeln, Bäume, Flüsse, Steine, die in den Wäldern hausenden Menschen und sogar die Mächte der Unterwelt mit seiner Musik besänftigt. Wie E. Schröter (2003, S. 124) herausgearbeitet hat, erhielt der Orpheus-Mythos durch die italienischen Humanisten des 15. Jahrhunderts eine besondere Auslegung. Die großen Philosophen der Accademia Platonica betrachteten ihn als Begründer der Eloquentia und als begeisterten Dichter, der Musik und Poesie als Ganzes verkörpert. Die Aufschrift »ORPHEUS VATES« auf dem Druck kennzeichnet ihn als göttlich inspirierten Seher, der die himmlischen Sphärenharmonien vernommen hat, die gemäß der Florentiner Philosophen in Rhythmus und Versmaß der wahren Dichter nachklingen. Nördlich der Alpen nimmt im 16. Jahrhundert die Beschäftigung mit der Gestalt des Orpheus nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Dichtung zu (Schröter 2003, S. 135). Von den Humanisten wird dort seine Bedeutung als Besänftiger der Natur und Bezwinger der Barbarei durch die Allgewalt seiner dichterischen und musikalischen Künste hervorgehoben.
Wechtlin orientierte sich in seinem Blatt wohl an italienischen Orpheus-Darstellungen in der Art eines Niello von Peregrino da Cesena (B. XIII, S. 283, Nr. 53) oder von Kupferstichen von Nicoletto da Modena und Benedetto Montagna (B. XIII, S. 283, Nr. 53; S. 346, Nr. 25). Auf diesen sitzt Orpheus in ähnlicher Pose und umgeben von Tieren auf einem Steinblock in der Wildnis. Wie auf dem Niello hat er die Lippen leicht geöffnet, doch spielt er nicht auf einer kithara, sondern auf einer lira da braccio wie auf den Drucken von Nicoletto da Modena oder Benedetto Montagna. Außergewöhnlich ist, dass eine Laute und eine Harfe neben ihm an dem Block lehnen. Wechtlin stellt Orpheus zudem gänzlich unbekleidet dar, wohingegen er bei Nicoletto da Modena, bei Marcantonio Raimondi auf dem Stich Orpheus und Eurydike (B. XIV, Nr. 295) und bei Moderno auf einer Bronzemedaille (Schröter 2003, Abb. 14) zumindest einen Umhang trägt, der am Rücken herabwallt.
Von Wechtlins Clair-obscur-Holzschnitten dürfte dieser einer der frühesten sein. Die Darstellung erscheint nur durch die ergänzende Tonplatte vollständig, da etwa der Körper des Orpheus erst durch die Glanzlichter seine volle Plastizität erhält. In der Gestaltung der Gräser lässt sich dabei eine Parallele zu Cranachs Holzschnitten wie der Ruhe auf der Flucht nach Ägypten feststellen (Inv. DG1929/119). Gegenüber Wechtlins anderen Clair-obscur-Holzschnitten bildet die schwarze Strichplatte jedoch ein Grundgerüst, das die Darstellung noch am vollständigsten beschreibt. Hinzu kommt der etwas unorganische, versatzstückartige Aufbau der Komposition, die in der Verdichtung des Hintergrunds durch üppige Vegetation an die Taufe Christi und in der Schattierung des Gesteins mit langen horizontalen und schrägen Parallellinien an die Berufung Petri aus Wechtlins Holzschnittserie mit dem Leben Christi anknüpft. Während der Körper des Orpheus kantig und hölzern wirkt, erscheint die Bewegung des Alcon (Inv. DG1949/651) bereits geschmeidiger. Dem Künstler gelingt es beim Alcon zudem, die Bildgegenstände durch die Tonplatte überzeugender zu modellieren und dem Raum eine größere atmosphärische Wirkung zu geben.
Literatur: Loedel 1863, S. 17; Nagler 1858–1879, Bd. 4, 1871, S. 74, Nr. 8 (Hans Ulrich Pilgrim?); Seibt 1891, S. 31; Reichel 1926, Taf. 20; Geisberg 1930, Nr. 1494; Strauss 1973, Nr. 25; Geisberg und Strauss 1974, Bd. 4, S. 1456; The Illustrated Bartsch, Bd. 13, S. 34; Hébert 1982, Nr. 1409; Bartrum 1995, Kat. 51; Schröter 2003, S. 136f.; Klein 2006–2007, Bd. 1, S. 25ff., Bd. 2, Ill. 53
