Aktstudie eines Knaben
Raffaello Santi
um 1518-1520
Die Rötelstudie galt noch für Passavant (1860) und Ruland (1876) als Raphael, doch Wickhoff (1892) und Fischel (1898) lehnten jede Beziehung zu dem Künstler ab. Zu welchem Zweck der Zeichner einen nackten Knaben studiert hat, der seine Hände nach rechts zu auf zwei Stöcke oder ein Holzgestell stützt, ist unbekannt. Charakteristisch für den jungen #Giulio Romano hielt Oberhuber die Betonung des Umrisses im Kontrast zu der leichten Schraffierung, die Flächigkeit des Gesichts mit den sich verflüchtigenden Haaren und die wenig überzeugenden Verkürzungen der Beine des Knaben. Diese Beobachtungen scheinen jedoch typisch für den Spätstil Raphaels zu sein, der sich durch höchste Ökonomie der zeichnerischen Mittel auszeichnet. Wenige Schraffen genügen, um den Wangen Fülle und Rundung zu geben, die Haltung der Arme zu verändern oder die weichen Formen des Bauches von der straffen Muskulatur des durchgestreckten Beines abzusetzen. Gerade auf der verschatteten Seite ist ein kräftiger Kontur notwendig, um der Pose Festigkeit zu geben, zumal sich der Körper nach innen dreht. Wie eindrücklich unterscheidet sich das durchgestreckte linke Bein von dem schlaksig herabhängenden rechten. Und es genügt eine einfache wellenförmige Linie auf der linken Seite, die doch die Drehung der Schulter, die Verschiebung der Hüfte und die Bewegung des angewinkelten Beines mitsamt den Verkürzungen von Knie und Fuß völlig sicher erfasst. Zugleich wirkt die Pose leicht und tänzelnd, was durch die zarten, nach rechts schwingenden Arme und den gekurvten Schatten am Boden noch betont wird. Die große Ökonomie der Strichführung macht zugleich eine Beschränkung auf das Wesentlichste bei der Wiedergabe der Formen notwendig. Daher durften die Haare nur leicht angedeutet sein, um dem Kopf des Kindes Rundung zu geben und ihn durch das Licht mit dem Umraum zu verbinden. Ganz ähnlich hat Raphael die drei männlichen Aktstudien in der Albertina (Inv. 4880) für die Apostelgruppe im Hintergrund der "Transfiguration" gezeichnet. Gegenüber Giulios Rötelzeichnung mit "Venus und Adonis" (Inv. 17632) sind die Bewegungen des Knaben viel gelöster, voller Natürlichkeit und Leben. Giulio drückt seine Figuren stärker in die Fläche und nimmt ihnen dadurch die Möglichkeit der räumlichen Entfaltung. Auch die Verkürzungen der Gesichter und Arme sind missglückt. Wir glauben daher, dass die alte Zuschreibung der Knabenstudie an Raphael richtig ist, und das Blatt möglicherweise aus der Zeit um 1518-1520 stammt.
Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 180, S. 255.
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