Selbstbildnis
Egon Schiele
1906
Als Egon Schiele am 3. Oktober 1906 die Aufnahmeprüfung an der Wiener Akademie der Bildenden Künste besteht, hat er bereits mehr als zehnmal sein Spiegelbild studiert. In diesem Selbstbildnis von 1906 betont Schiele mit der elegant geknoteten Masche und dem steifen Stehkragen seinen bürgerlichen Status. Mit der längeren Haartracht und dem Mittelscheitel stellt der 16-Jährige sich selbst als Dandy dar und spielt mit diesem Rollenrequisit auf seine künstlerische Berufung an. Der ernste und intensiv den Betrachter fixierende Blick des Knaben nimmt bereits die später für den Künstler so wichtige Inszenierung von Blickmotiven vorweg.
When Egon Schiele passed the entrance exam to the Academy of Fine Arts in Vienna on October 3, 1906, he had already explored his mirror image more than ten times. Flaunting an elegantly knotted bow tie and a stiff stand-up collar, Schiele emphasizes his middle-class status in this self-portrait from 1906. With his long hair parted in the middle, the sixteen-year-old presents himself as a dandy, hinting at his artistic vocation with these role props. The subject’s serious gaze intensely fixing the viewer anticipates the mise-en-scène of the eye contact motif that was to become so important to the artist later on.
Ohne als direkte Studie für ein bekanntes Gemälde gedacht zu sein, kann das mit 6. September 1906 datierte Werk doch mit dem 1907 datierbaren gemalten Selbstbildnis auf Karton (Kallir Paintings 1990/98, 26) gesehen werden.
Egon Schiele betont in diesem Dreiviertelporträt seinen bürgerlichen Status mit der elegant geknoteten Masche und dem steifen Stehkragen. Einzig in der langen Haartracht mit dem Mittelscheitel designiert sich der Knabe als Dandy, ein bewusst auf die künstlerische Berufung zielendes Rollenrequisit.
Die Dynamik der in den Raum stoßenden Körperhaltung steht in einem interessanten Kontrast zum ernsten Blick: Vorbote der späteren Fixierung des Künstlers auf die Inszenierung von Blickmotiven.
Die noch etwas schülerhafte Kombination der Kohlezeichnung mit Lavierung und Spritztechnik wurde Egon Schiele wohl von seinen Zeichenlehrern #Ludwig Karl Strauch und #Max Kahrer vermittelt, die beide Elemente des Impressionismus mit einem gemäßigten Jugendstil verbanden. Die Spritztechnik war im Sezessionismus weit verbreitet.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 42.
In Komposition und Kleidung (Halsmasche) einem Ölbild auf Karton nahe verwandt, das allgemein 1907 datiert wird (L. 41 ohne Abbildung; J.K.P 26). Vgl. auch das nur wenige Tage später, am 10.IX.06 entstandene Selbstbildnis, das Schiele zeichnend zeigt (J.K.D 26) sowie das Porträtphoto mit Palette (Comini 1974, fig. 10).
Quelle: Erwin Mitsch, Egon Schiele in der Albertina. Die Zeichnungen und Aquarelle aus eigenem Besitz, Ausst. Kat. Albertina, Wien 1990, Kat. 5.
