Egon Schiele, Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid, Inv. Nr.: 30395
Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid
Egon Schiele, Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid, Inv. Nr.: 30395
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid

Egon Schiele

1910




Wie im Selbstbildnis mit Stirnband  (Inv. 30771) von 1909 zieht Schiele auch hier sein rechtes Augenlid herunter. Diese alte, in Österreich einst »Äugl« genannte Geste betont das Auge, das Sehen und bedeutet etwa »Das sehe ich wohl!« oder »Ich durchschaue dich!«

Im Gegensatz zum früheren Blatt, das noch ganz dem Jugendstil verpflichtet ist und in dem sich der junge Künstler durch Eleganz und Blasiertheit vom Betrachter distanziert, zeigt ihn diese expressive Gouache mit einem melancholischen, schmerzlichen Zug im Gesicht. Dies rückt ihn uns menschlich näher. Was immer er »durchschaut«, es spricht kein Hochmut aus ihm, sondern Mitleid. Die mit breitem Pinsel wirbel- und mäanderartig aufgemalten Deckfarben zeigen dabei kein realistisch dargestelltes Kleidungsstück, sondern vielmehr ein Abbild seiner inneren Bewegung.


Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1910
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesKreide, Pinsel, Aquarell, Deckfarben auf braunem Packpapier
Dimensions44,3 × 30,5 cm (17 7/16 × 12 in.)
Rahmenaußenmaß 66,5 × 52,4 × 4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number30395
Signedl.u. "Schiele 10."
Text

Das Selbstbildnis der Albertina hat die verschiedenen im Menschen wirksamen Kräfte, die geistig-seelischen Disharmonien, in die Symbolfigur der kompositionellen und gestisch-mimischen Asymmetrie gegossen. Während der seit dem 15. Jahrhundert typologisch festgeschriebene Melancholie-Gestus das unter der Last der Gedanken und Gefühle schwer herabsinkende Haupt in der vollen Hand abstützt, liegt bei Schiele der Kopf nicht in der Hand; der Kopf kippt vielmehr von der Hand weg. Zugleich zieht die Hand aktiv Lid und sogar Mundwinkel herunter: zwei Augen, zwei Gesichtshälften, zwei ungleich abstehende Ohren, zwei verschiedene Schulterhöhen und Körperhälften. Alles in diesem Selbstbildnis ist aus dem Lot der Mitte geraten. Die mit Hilfe des Syndetikons in wilden Schlingen geführte Pinselschrift destabilisiert die Binnenform des Hemdes so sehr wie die exzentrische, asymmetrische Komposition.
Schiele hat sich in diesem wie im "Grimassierenden Aktselbstbildnis" der Albertina (Inv. 30766) nochmals als von widerstreitenden Kräften krampfhaft zerrissenen, ja fremd bestimmten Menschen inszeniert: eine Symbolfigur des sich selbst, seiner Umgebung und Herkunft, seines inneren wie äußeren Ortes entfremdeten Menschen. Dies entspricht nicht im Geringsten den Beschreibungen, die von Schiele überliefert sind. Die unterschiedliche Wahl von Rollenbildern und Darstellungsformen ist nicht das Ergebnis einer psychischen Introspektion, sondern das theatralische Resultat der Erkenntnis, dass es ein kohärentes Innenleben im Zeitalter der Moderne nicht mehr gibt.
Die Deutung des Schiele-Werks als Inszenierung und theatralische Darstellung, ohne Anspruch auf authentischen Selbstausdruck, schärft unseren Blick für die Vorbilder und außerkünstlerischen Anregungen. Mit dieser Interpretation des prinzipiell performativen Charakters seiner Kunst konzentriert sich unsere Analyse der Körpersprache und des speziellen gestischen und mimischen Vokabulars Schieles auf die kulturellen Präformierungen, die seine Vorstellungs- und Einbildungskraft gespeist haben.
Das "Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid" und das "Grimassierende Aktselbstbildnis" (Inv. 30766)  zählen zu jenen wichtigen Beispielen, in denen wir Schieles Interesse an dokumentarischen Aufnahmen psychisch Kranker ablesen können.

vgl. Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 211.


 

 

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 706
  • Bibliography
  • AK Albertina 1948, Nr. 11
  • Mitsch 1961, S. 18
  • AK Albertina 1968, Nr. 143, Abb.
  • Koschatzky 1968, Nr. 4
  • Leopold 1972, Tafel 58
  • AK Kopenhagen 1973, Nr. 18
  • Comini 1974, Tafel 32 (1976, Abb. 34)
  • Mitsch 1974, Abb. 28
  • AK München 1975, Nr. 90, Abb.
  • Nebehay 1977, S. 12
  • AK Genf 1980, Nr. 18, Abb.
  • Wilson 1980, Tafel 21
  • Whitford 1981, Abb. 58 (1987, S. 45)
  • Malafarina 1982, Nr. D 34
  • Arnold 1984, S. 51
  • AK Berlin 1986, Nr. 18, Abb.
  • Avedon 1987, S. 57
  • AK Albertina 1990, Nr. 34, Abb.
  • Steiner 1991, S. 6
  • Fischer 1994, S. 161
  • AK Washington / u.a. 1994, Tafel 20
  • Müller-Tamm 1995, Abb. 1
  • Schröder 1995, S. 85
  • AK MAK Wien / Zürich / Brüssel, 1996–1998, ohne Nummer
  • AK Mailand 2000, S. 57, Abb.
  • AK Rom 2001/02, Tafel 92
  • Kallir 2003, S. 115
  • Natter 2004, Abb. S. 173
  • AK Amsterdam 2005, S. 60, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 59
  • Klaus Albrecht Schröder in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 211
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 70-71 (in spanischer Sprache)
  • Albertina: Schiele bis Giaccometti , hrsg. von Klaus Albrecht Schröder, Bad Vöslau: Grasl Druck & Neue Medien 2003, Abb. 25
  • Kerstin Jesse/Hans-Peter Wipplinger (Hg.), Egon Schiele. Netzwerke und Freundschaften, Tagungsband zum 5. Egon Schiele-Symposium im Leopold Museum, Wien 2024, S. 154, 157 (Abb. S. 155)
  • Provenance
  • Otto Schatzker sen. (1885-1959), Wien
  • 1946 Albertina, Wien (Schenkung von Otto Schatzker sen., Wien)

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    Last edited27.06.2025