Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid
Egon Schiele
1910
Wie im Selbstbildnis mit Stirnband (Inv. 30771) von 1909 zieht Schiele auch hier sein rechtes Augenlid herunter. Diese alte, in Österreich einst »Äugl« genannte Geste betont das Auge, das Sehen und bedeutet etwa »Das sehe ich wohl!« oder »Ich durchschaue dich!«
Im Gegensatz zum früheren Blatt, das noch ganz dem Jugendstil verpflichtet ist und in dem sich der junge Künstler durch Eleganz und Blasiertheit vom Betrachter distanziert, zeigt ihn diese expressive Gouache mit einem melancholischen, schmerzlichen Zug im Gesicht. Dies rückt ihn uns menschlich näher. Was immer er »durchschaut«, es spricht kein Hochmut aus ihm, sondern Mitleid. Die mit breitem Pinsel wirbel- und mäanderartig aufgemalten Deckfarben zeigen dabei kein realistisch dargestelltes Kleidungsstück, sondern vielmehr ein Abbild seiner inneren Bewegung.Rahmenaußenmaß 66,5 × 52,4 × 4 cm
Das Selbstbildnis der Albertina hat die verschiedenen im Menschen wirksamen Kräfte, die geistig-seelischen Disharmonien, in die Symbolfigur der kompositionellen und gestisch-mimischen Asymmetrie gegossen. Während der seit dem 15. Jahrhundert typologisch festgeschriebene Melancholie-Gestus das unter der Last der Gedanken und Gefühle schwer herabsinkende Haupt in der vollen Hand abstützt, liegt bei Schiele der Kopf nicht in der Hand; der Kopf kippt vielmehr von der Hand weg. Zugleich zieht die Hand aktiv Lid und sogar Mundwinkel herunter: zwei Augen, zwei Gesichtshälften, zwei ungleich abstehende Ohren, zwei verschiedene Schulterhöhen und Körperhälften. Alles in diesem Selbstbildnis ist aus dem Lot der Mitte geraten. Die mit Hilfe des Syndetikons in wilden Schlingen geführte Pinselschrift destabilisiert die Binnenform des Hemdes so sehr wie die exzentrische, asymmetrische Komposition.
Schiele hat sich in diesem wie im "Grimassierenden Aktselbstbildnis" der Albertina (Inv. 30766) nochmals als von widerstreitenden Kräften krampfhaft zerrissenen, ja fremd bestimmten Menschen inszeniert: eine Symbolfigur des sich selbst, seiner Umgebung und Herkunft, seines inneren wie äußeren Ortes entfremdeten Menschen. Dies entspricht nicht im Geringsten den Beschreibungen, die von Schiele überliefert sind. Die unterschiedliche Wahl von Rollenbildern und Darstellungsformen ist nicht das Ergebnis einer psychischen Introspektion, sondern das theatralische Resultat der Erkenntnis, dass es ein kohärentes Innenleben im Zeitalter der Moderne nicht mehr gibt.
Die Deutung des Schiele-Werks als Inszenierung und theatralische Darstellung, ohne Anspruch auf authentischen Selbstausdruck, schärft unseren Blick für die Vorbilder und außerkünstlerischen Anregungen. Mit dieser Interpretation des prinzipiell performativen Charakters seiner Kunst konzentriert sich unsere Analyse der Körpersprache und des speziellen gestischen und mimischen Vokabulars Schieles auf die kulturellen Präformierungen, die seine Vorstellungs- und Einbildungskraft gespeist haben.
Das "Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid" und das "Grimassierende Aktselbstbildnis" (Inv. 30766) zählen zu jenen wichtigen Beispielen, in denen wir Schieles Interesse an dokumentarischen Aufnahmen psychisch Kranker ablesen können.
vgl. Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 211.
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