Lesende Madonna mit Kind in einer Landschaft
Raffaello Santi
1509
Rahmenaußenmaß 43,7 × 36,2 × 3,3 cm
Eine wundervolle Anmut und Natürlichkeit strahlt diese "Lesende Madonna mit Kind" aus, die Raphael mit wenigen Linien spontan auf das Papier skizziert hat. Er nahm während des Zeichnens ständig Veränderungen vor, was besonders bei der Suche nach einer befriedigenden Stellung der Beine beider Figuren ins Auge fällt. Den weiten Landschaftshintergrund riegelt nach hinten eine imposante Architekturkulisse ab. Seitlich rahmen die Darstellung zwei Cherubim, von denen kaum mehr als die Köpfe sichtbar sind, was auf eine Beschneidung des Blattes an den Rändern hindeutet. Immer wieder wurde auf den Einfluss florentinischer Stilelemente hingewiesen. So lässt sich das Motiv der auf dem Boden hockenden, spiralig gedrehten Muttergottes von #Michelangelos "Tondo Doni" (um 1503-1506) in den Uffizien ableiten. Während sich dort jedoch die Madonna nach oben zum Christuskind dreht, verläuft die rhythmische Bewegung bei Raphael in umgekehrter Richtung. Diese Wirkung unterstützt Raphael durch die Verwendung von kürzeren Strichen am Kopf und längeren, schwungvoller verlaufenden Linien im unteren Bereich. Der niedersinkenden Pose setzt er die Bewegung des sich hochstreckenden Christuskindes als kraftvolle Schräge entgegen. Florentinisch ist auch der pyramidenartige Aufbau, den der Künstler am konsequentesten in der "Heiligen Familie Canigiani" in München (Alte Pinakothek) von ca. 1507/08 entwickelt hat. Die fließende und rundende Strichführung ist von #Leonardo da Vinci angeregt, was beim Vergleich mit dessen "Madonna mit Kind und Fruchtschale" im Louvre oder der "Madonna mit Kind und Johannesknabe" in Windsor (Royal Library) deutlich wird. Es fällt auf, dass Raphael in dieser Skizze nun auf eine Binnenmodellierung durch Schraffuren fast verzichten kann und den Körpern mehr Gewicht sowie den Formen mehr Volumen gibt als zuvor in Werken der umbrischen und florentinischen Periode. Das Blatt lässt sich in das Jahr 1509 datieren, da die Rückseite (Inv. 205v) Detailstudien für die rechte untere Hälfte des "Disputà-Freskos" in der Stanza della Segnatura ausfüllen.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 46.
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