Bacchuszug
Annibale Carracci
1597-1601
Annibale Carraccis eindrucksvoller Bacchuszug ist ein früher Gesamtentwurf für das zentrale Deckenbild der Galleria Farnese in Rom. Die zwischen ca. 1597 und 1603 unter der Leitung Annibales ausgemalte Galleria ist das bedeutendste Beispiel frühbarocker Raumdekoration in Rom und zugleich einer der repräsentativsten Prunkräume Italiens.
Gegenüber dem ausgeführten Fresko, das den Triumphzug von Bacchus und Ariadne darstellt, ist auf der Wiener Zeichnung die Auffindung der Ariadne durch den Weingott gezeigt. Der von zwei Löwen gezogene Prunkwagen des Bacchus rollt gerade an der Schlafenden vorbei. Einer seiner beiden Diener hat sie erblickt und wird die Entdeckung sogleich seinem Herrn mitteilen. Während der Weingott im Fresko majestätisch auf seinem Gefährt thront, ist er auf dem Entwurf trunken und bedarf der Stütze zweier kräftiger jugendlicher Gestalten, ebenso wie sein greiser Erzieher Silen, der den Mittelpunkt der benachbarten Gruppe bildet. Vollkommen berauscht, suchen die Träger mühsam dessen fettleibigen Körper auf dem Esel zu halten. Die fließenden Formen der aneinandergedrängten Leiber veranschaulichen eindrucksvoll, wie die Bewegungen an dieser Stelle außer Kontrolle zu geraten, sich zu überstürzen drohen. Die Idee der Gliederung der Darstellung in zwei Hauptgruppen, zwischen denen eine tanzende Figur vermittelt, hat der Künstler im Fresko beibehalten. In diesem ordnete er aber die Gestalten überschaubarer, in einer weitgehend bildebenenparallelen Reihung an. Der Entwurf erzielt durch den Wechsel zwischen dem vereinzelt durchscheinenden, hellen bräunlichen Papiergrund und der dunkleren Lavierung sowie den cremig aufgesetzten Glanzlichtern eine malerische Wirkung, die durch die rasch gezogenen Federlinien und die skizzenhafte Vorzeichnung zugleich größte Lebendigkeit erhält. Den malerischen Eindruck unterstreicht der Künstler noch durch das Weiß, das er gewissermaßen als zusätzlichen Farbwert zum Modellieren ganzer Körperpartien verwendet.
Die besprochene Zeichnung ist höchstwahrscheinlich identisch mit derjenigen, die sich im Besitz des Antiquars, Kunsttheoretikers und Verfassers von Künstlerbiografien, Giovanni Pietro Bellori (1616-1690), befunden hat. Sie diente möglicherweise dazu, dem Auftraggeber eine erste Vorstellung vom geplanten Fresko zu geben. Schon in einer frühen Phase stand das Thema als Darstellungsgegenstand der Dekoration fest, und daher hat sich eine Fülle von Studien zu dieser Szene erhalten, von denen sich drei weitere in der Albertina befinden (vgl. Inv. 2144).
Der klassische Charakter der berühmten Darstellung ist nicht zuletzt auf die verschiedenen künstlerischen Vorbilder aus der Antike und der Hochrenaissance zurückzuführen, die der Künstler verarbeitet hat. Besonders hervorzuheben ist hier #Raphaels "Triumphzug des Bacchus in Indien", #Agostino Venezianos Kupferstich mit dem "Silenzug" (B. XIV, S. 192, Nr. 240) sowie eine Zeichnung mit derselben Thematik von #Perino del Vaga (Washington 1999/2000, Abb. 3), die Annibale in der Sammlung der Farnese sogar im Original studieren konnte.
Achim Gnann, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 104.
