Giulio Romano, Kopf einer Ziege, Brunnenwanne, Inv. Nr.: 43033v
Kopf einer Ziege, Brunnenwanne
Giulio Romano, Kopf einer Ziege, Brunnenwanne, Inv. Nr.: 43033v
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Kopf einer Ziege, Brunnenwanne

Giulio Romano

1520 - 1524




Künstler:in (Rom 1499 - 1546 Mantua)
Date1520 - 1524
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Braun
Dimensions17,7 x 23,6 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number43033v
InscribedRecto: l.u. "Jul: rom:" (in Feder)
Text
Die nach dem Vorbild eines antiken Landsitzes errichtete Villa Madama umfaßte nach Raphaels Plänen neben dem zentralen Wohngebäude auch ein Theater, ein Hippodrom, Thermen, einen prachtvollen Garten mit verschiedenartigen Bepflanzungen, Treppenanlagen, offene Terassen, Statuen und Brunnen. In den Zusammenhang der Gartengestaltung gehört das unlängst von der Albertina erworbene Blatt, auf dem u.a. verschiedene Brunnenentwürfe zu sehen sind. [Zur weiteren Beschreibung der Vorderseite siehe bei Inv. 43033r.]

Giuliesk ist der Ziegenkopf auf der Rückseite, der in der Opferszene im Gewölbe des nordöstlich an die Gartenloggia anschließenden Zimmers (Dacos, 1987, Bd. 2, Abb. S. 118) sowie in zahlreichen Studien wiederkehrt (vgl. Mantua, 1989, Abb. S. 457 oder Putto mit Meereswesen, Berlin, Kupferstichkab., KdZ 21630). Vasari (Bd. 5, S. 526f.) ist zu entnehmen, daß Giulio für die Entwürfe der Fischteiche, Fußböden, ländlichen Brunnen, Bosketts und ähnlicher Dinge der Villa Madama verantwortlich war. Auf seine Hand verweisen auch die Studien für Prachtgefäße auf der Vorderseits des vorliegenden Blattes (Inv. 43033r). Das phantasievolle Gefäß mit Henkel am rechten oberen Rand kehrt ähnlich bei dem Geschirr im Hochzeitsbankett in der Sala di Psiche im Palazzo Te in Mantua wieder (Mantua, 1989, Abb. S. 454). Die Trinkschale am unteren Rand findet sich nahezu identisch auf einer Zeichnung in dem Sammelband in Prag wieder, der Entwürfe für kunstgewerbliche Gegenstände enthält, die großteils von Giulio selbst, bzw. von Werkstattgehilfen nach seinen Ideen ausgeführt wurden (Bukovinská, Fučíková und Konečný, 1984, Kat. Nr. 57/88). Die Zeichnung der Albertina ist ein Beleg dafür, daß sich Giulio nicht erst in seiner Mantuaner Zeit, sondern bereits in Rom mit Projekten für derartige Prachtgefäße befasst hat. Sie ist zugleich ein Zeugnis für die überquellende Phantasie und den Einfallsreichtum des jungen Künstlers, wobei allerdings möglich ist, daß einige Motive noch auf Raphael selbst zurückgehen.

Die Albertina konnte diese bedeutende Zeichnung aus dem Kunsthandel (Kat. d. Verst. Christie´s, South Kensington, 21.4.1998, lot 13 als Umkreis #Perino del Vagas) erwerben, auf der offensichtlich verschiedene Brunnenentwürfe für die Villa Madama gezeigt sind. Der an vielen Stellen verblasste, aber äußerst lebendige und pentimentreiche Federstrich schließt die Möglichkeit aus, dass es sich um eine Kopie handelt. Der Elefantenkopf links unten, aus dessen Rüssel Wasser spritzt, kehrt nahezu identisch bei #Giovanni da Udines Elefantenbrunnen im Garten der Villa Madama wieder, den bereits Vasari (Bd. VI, S. 556) beschrieben hat: "Avendo poi a fare al medesimo cardinale [= Giulio de´Medici] pur in quella vigna una fonte, dove getta una testa di lionfante di marmo per il niffolo; imitò in tutto per tutto il tempio di Nettunno (stanza poco avanti stata trovata fra l´antiche ruinedi palazzo Maggiore, adorna tutta di cose naturali marine), fatti ottimamente poi vari ornamenti di stucco; anzi superò di gran lunga l´artifizio di quella stanza antica col fare sì belli e bene accomodati quegli animali, conchiglie ed altre infinite cose somiglianti." Der mit Stuck und Mosaiken verzierte Brunnen ist in einem schlechten Erhaltungszustand, doch geben Kopien einen Eindruck von dem ursprünglichen Aussehen wieder (Furlan 1987, Bd. 2, S. 151-153). Die endgültige Fertigstellung erfolgte erst im Sommer des Jahres 1526, wie aus einem Brief des Giovanni Francesco Fattucci in Rom an #Michelangelo in Florenz hervorgeht (Dacos 1987, S. 119). Vorbild für den Brunnen war der indische Elefant Hanno, den #König Emmanuel von Portugal 1513 #Leo X. geschenkt hatte und der am 16. Juni 1516 an den Folgen einer Vergoldung gestorben war. #Raphael hatte ihm an einem Tor im Nordwesten der leoninischen Mauer ein Freskoepitaph geschaffen, dessen Aussehen durch Kopien, bzw. Nachzeichnungen nach Studien Raphaels bekannt ist. (siehe Winner 1964; Oberhuber 1972, S. 207-209). Wie dort trägt der Elefant auf unserer Zeichnung rechts unten eine Glocke um den Hals. Sie muss auf eine frühere Lebensstudie des Tieres zurückgehen, wobei mit wenigen Linien die Vorwärtsbewegung, die leichte Drehung des Kopfes und die ledrig über den Körper liegende Haut mit all ihren Falten höchst sicher wiedergegeben ist. Ähnliche eindrucksvolle Elefantenstudien befinden sich auf einer Rötelzeichnung in Oxford, die wohl von Raphael ist (Ashmolean Museum). Rechts ist ein Entwurf für ein Gefäß mit Henkel zu erkennen und in der Mitte eine Frauenkopf mit dicken Zöpfen, die sich unter dem Kinn verflechten. Ein ähnlicher Kopf erscheint, freilich in stark abgewandelter Form, in einem Medaillon in der von Giovanni da Udine 1525 stuckierten rechteckigen Exedra der Gartenloggia (Dacos 1987, Bd. 2, Abb. S. 115).
Über das Blatt verteilt sind zudem drei Schalen zu erkennen, offensichtlich Entwürfe für Brunnenbecken. Links sind sodann drei Brunnenentwürfe in Frauengestalt skizziert. Bei einer Frau strömt das Wasser aus kleinen Öffnungen in den Vasen, die sie auf dem Kopf und in den Händen trägt. Daneben fließt es aus den Brüsten eines Standbildes der "Diana von Ephesos". Oben ist offensichtlich die Vestalin "Tuccia" dargestellt, die das Tiberwasser in einem Sieb trug, um ihre Unschuld zu beweisen. Sicherlich stehen diese Entwürfe nicht in Zusammenhang mit einem zweiten Brunnen Giovannis, den Vasari (Bd. VI, S. 556) beschrieben hat. Dieser hatte die Form einer Grotte, an dessen höchster Stelle ein mit Frauenhaar und Pflanzen kunstvoll umkränzter Löwenkopf aus porösem Gestein zu sehen war. Überhaupt lassen sich diese Studien nicht mit Giovannis oberitalienischem Zeichenstil vergleichen. Bei Giovanni greifen die Linien kontinuierlich ineinander, wobei er sich darauf konzentriert, nicht die Struktur, sondern die äußere Erscheinung der Gegenstände festzuhalten. Das Licht löst dabei die Formen auf, und der Umriss wird oftmals bedeutungslos. Auf diesen Blatt ist dagegen jeder Gegenstand fest umrissen und jede Bewegung von höchster Organik. Laut der altem Inschrift stammt das Blatt von Giulio Romano, der bekanntlich mit Giovanni da Udine die Ausmalung der Villa leitete. Besonders der äußerst flächig wirkende Ziegenkopf auf verso lässt an Giulios Zeichenstil denken. Ein ähnlicher Kopf erscheint in der Opferszene im Gewölbe des nordöstlich an die Gartenloggia anschließenden Zimmers (Dacos 1987, Bd. 2, Abb. S. 118). Laut Vasari (Bd. V, S. 526 f.) schuf Giulio für die Villa Madama auch Entwürfe für Fischteiche, Fußböden, ländliche Brunnen, Bosketts und ähnliche Dinge noch zu Lebzeiten Leos X., was die Zuschreibung an Giulio bestätigen würde. Der überaus feine Zeichenstil schließt noch unmittelbar an den Raphaels an. Die knappe Andeutung der "Tuccia" mit wenigen gerundeten Linien, durch die doch die Bewegung und die Verkürzung der Arme klar zum Ausdruck kommt, lässt sich etwa mit Raphaels Entwurf zur "Hochzeit von Alexander und Roxane" in Haarlem oder der Ideenskizze mit "Merkur und Amoretten" in Köln für die Gartenloggia der Villa Farnesina vergleichen (Knab/Mitsch/Oberhuber 1983, Nr. 539, Nr. 543). Obwohl somit auch Argumente für Raphael sprechen, scheint uns die Zuschreibung an Giulio überzeugender zu sein.

Raphael und der klassische Stil in Rom, Mantua/Albertina 1999, Abb. 199b, S. 281.

Bibliography
  • Mantua und Wien, 1999, Nr. 199a (Text von A. Gnann), Monbeig-Goguel, 1999, S. 497, fig. 58 (Raphaelwerkstatt)
  • Haarlem 2012/2013, Kat. 64 (Text von A. Gnann)
  • Provenance
  • 1998 von Christie's in London erworben

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    Last edited16.08.2021