Selbstbildnis in gelber Weste
Egon Schiele
1914
Der Entschlüsselung der allegorischen Blätter, deren Darstellungen sich Franz von Assisi und seiner Gefährten widmen, verdankt sich nun auch ein neues Verständnis der Selbstporträts mit kurzem Gewand aus dem gleichen Jahr 1913. Offensichtlich hat Schiele, den weltanschaulich viel mit Franziskus verband, sich selbst als eine Art Spiritualen betrachtet und dargestellt.
Im Selbstbildnis in oranger Jacke (Inv. 39929) wirkt das kurze Gewand fein und glatt, ja fast elegant und in der Wahl der leuchtenden Farbe geradezu extravagant. Aber der kultivierte Künstler-Spirituale steht irgendwie verloren da in dieser Welt und in melancholischer Resignation schließt er müde die Augen.
Dem stillen, meditativen Selbstbildnis in oranger Jacke steht das derb-provokative Selbstbildnis in gelber Weste aus dem Jahr 1914 gegenüber. Schiele zeigt sich hier mit kurzer Weste, die er über den nackten Oberkörper gezogen hat. Er wendet uns den Rücken zu und würdigt uns nur eines kurzen, trotzig-aggressiven Blickes über die sprichwörtliche kalte Schulter. Die leise Resignation des Künstler-Spiritualen ist nun entschlossenem Aufbruch gewichen.
Rahmenaußenmaß 69,1 × 52,3 × 3,3 cm
Viele der Selbstbildnisse und männlichen Figuren der Jahre 1913 und 1914 können in einen geistig-konzeptuellen Zusammenhang mit den beiden großen allegorischen Gemälden der "Bekehrung" und der "Begegnung" gebracht werden. Beide Gemälde blieben unvollendet, von beiden sind nur Fragmente bzw. Fotografien von Teilstücken überliefert. Schiele plante, beide Gemälde mit einem Fries von menschlichen Gestalten zu versehen: der Seher mit seinen Jüngern. Die Tuniken, die alle Figuren tragen sollten, hätten diese einzelnen Glieder der Kette sowohl formal zusammengefasst als auch inhaltlich als eine kompakte zusammengehörige Gruppe an Auserwählten ausgewiesen. Sie nobilitieren den von der unverständigen Gesellschaft zum Außenseiter stigmatisierten Menschen, allen voran den Künstler.
Egon Schiele sieht also in diesen Selbstporträts nicht einfach sich selbst, in seiner natürlichen, letztlich prosaischen Erscheinung. Er schlüpft vielmehr theatral in die Rollen anderer. Die Praxis der Selbstinszenierung Schieles ist vom Theater, dem Rollenspiel des Mimen mit seinem unerschöpflichen Repertoire an Masken inspiriert. Damit knüpft der Expressionist ein Band zum Symbolismus des 19. Jahrhunderts und zur Malerei #Ferdinand Hodlers, dessen europäischer Durchbruch als Künstler 1904 in Wien erfolgte.
Dieser symbolistische Traditionalismus wurde schon früh als das retrospektive Element in Schieles Werk wahrgenommen.
Stilistisch ist diese Gruppe an Gouachen von gegenläufigen Prinzipien gekennzeichnet. Einerseits strebt Schiele nach Volumen und Plastizität in den Köpfen und Händen. Andererseits setzt er diese in einer trockenen Gouachetechnik modellierten Körperteile gegen weitestgehend flache und großflächige farbintensive Formen der textilen Partien: Kutte oder Tunika. Den Figuren fehlt nicht nur die Standfläche, sie sind meist schräg ins Blatt geschoben, sodass die Gestalten selbst trotz des präzise austarierten kompositorischen Gleichgewichts in der Bildfläche instabil scheinen.
Die Selbstthematisierung ist in ein geometrisches Gerüst eingespannt. Die Schematisierung der Augen und der Stirnfalten, der Kopfform wie der plastischen Gestalt des Mundes wird auf der Gouache von der opaken Farbigkeit zum Teil überspielt. Der Künstler exzelliert geradezu in der Bespielung der Formsegmente mit einer jeweils unterschiedlichen Pigmentdichte. Die orange, undurchlässige Fläche setzt Schiele gegen ein transparentes, an den Rändern blauviolettes, helles Hemd; darüber in perspektivisch präziser Verkürzung den im Dreiviertelporträt erhobenen Kopf des Künstlers.
Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 215.
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