Egon Schiele, Liebespaar, Inv. Nr.: 26669
Liebespaar
Egon Schiele, Liebespaar, Inv. Nr.: 26669
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Liebespaar

Egon Schiele

1913




Das Liebespaar ist eine von drei Zeichnungen, auf denen Schieles Freund, der Maler Felix Albrecht Harta, mit einer Unbekannten Modell gestanden hat. Während Schiele in der Physiognomie auf äußersten Realismus wert legt, verstößt er in der Darstellung der Körperformen um der Ausdruckskraft willen bewusst gegen das Prinzip der anatomischen Richtigkeit: Der rechte Arm ist in seiner verdrehten Form geradezu verstümmelt, die Wade des Beine unnatürlich aufgebläht. Die Stellung der linken Hand der Frau ist kaum nachvollziehbar: Sie scheint ihren Strumpf mit beiden Händen vom Bein zu rollen, doch ist dies bei der Lage der hochgezogenen rechten Schulter mit einer normalen menschlichen Armlänge nicht möglich.

Schon hier kündigt sich die von Schiele zum Thema erhobene Kommunikationslosigkeit zwischen den Geschlechtern an: trotz größter körperlicher Intimität bleiben Mann und Frau einander fremd; unbeteiligt blickt der Mann ins Leere: Zwischen den beiden springt kein Funke über.



Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1913
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Aquarell, Deckfarben, auf Japanpapier
Dimensions31,8 × 48,2 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number26669
Signedl.u. "EGON / SCHIELE / 1913" umrahmt
Text

Das „Liebespaar“ ist eine von drei Zeichnungen, auf denen Schieles Freund, der Maler #Felix Albrecht Harta, mit einer Unbekannten Modell gestanden ist. Während Schiele in der Physiognomie auf äußersten Realismus und Wiedererkennbarkeit wert legt – bis zum Augenzwicker #Hartas -, verstößt er in der Darstellung der Körperformen um der Ausdruckskraft willen bewusst gegen das Prinzip der anatomischen Richtigkeit. Der rechte Arm ist in seiner verdrehten Form geradezu verstümmelt, die Wade des Beins unnatürlich aufgebläht. Die Stellung der linken Hand der Frau ist kaum nachvollziehbar: sie scheint ihren Strumpf mit beiden Händen vom Bein zu rollen, doch ist dies bei der Lage der hochgezogenen rechten Schulter mit einer normalen menschlichen Armlänge nicht möglich. Auch die Unterschenkel der Frau sind bewusst verzeichnet, was jedoch am Prinzip der Geometrisierung in den zeichnerischen Kleinformen nichts ändert.

 

So vereint Schiele gegen Ende 1913 diametral entgegengesetzte Zeichenstile zu einem spannungsreichen Ganzen: die seit dem Beginn des Jahres geläufigen Kritzeleien, die anatomisch nicht korrekten Verbiegungen, Verzerrungen, die Stauchung und Elongierung von Körperpartien mit der so anders gearteten geometrisierenden Tendenz wie die Darstellung der Kopf- und Brusthaare mit spiralförmigen Kurvaturen oder die schematisierten Stirnfalten, Augenbögen oder Lippen.

 

Schiele war schon 1910 und 1911 an der expressiven Betonung des Umrisses interessiert. 1913 verstärkte er diese Konturen durch eine anfangs zarte, gegen Ende des Jahres zunehmend stärkere Aquarellierung. Die koloristischen Gegensätze zwischen dem leuchtenden Orange des Tuchs und der Strümpfe, der intensiven Leuchtkraft der Haare und dem kalten, hellen Inkarnat macht diese erotische Liebesdarstellung zu einer der gelungensten Arbeiten 1913. Schon hier kündigt sich die von Schiele zum Thema erhobene Kommunikationslosigkeit zwischen den Geschlechtern an: trotz größter körperlicher Intimität bleiben Mann und Frau einander fremd; unbeteiligt blickt der Mann ins Leere: Zwischen den beiden springt kein Funke über.

 

Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 249.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 1453
  • Bibliography
  • AK Albertina 1948, Nr. 264
  • AK São Paulo 1957, Nr. 21
  • AK Darmstadt 1967, Nr. 59, Abb.
  • Koschatzky 1968, Nr. 36
  • AK Albertina 1968, Nr. 215, Abb.
  • Dobai 1968/69, S. 15
  • Leopold 1972, Tafel 138
  • Powell 1974, S. 153
  • AK München 1975, Nr. 196, Abb.
  • Schmied 1979, Abb. 43
  • AK Hamburg 1981, Nr. 209, Abb.
  • Arnold 1984, S. 61
  • AK Albertina 1990, Nr. 113, Abb.
  • AK Washington u.a. 1994, Tafel 72
  • Fischer 1994, S. 96
  • AK Mailand 2000, S. 96, Abb.
  • AK Albertina 2003/04 a, Nr. 110
  • AK Amsterdam 2005, S. 106, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 133
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 103
  • Kerstin Jesse/Hans-Peter Wipplinger (Hg.), Egon Schiele. Netzwerke und Freundschaften, Tagungsband zum 5. Egon Schiele-Symposium im Leopold Museum, Wien 2024, S. 114 f., 117 (Abb. S. 117)
  • Provenance
  • 1935 erworben von Heinrich Mayer (1864-1938), Wien

  • IIIF Logo IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/3204/liebespaarImage Request
    Last edited27.11.2024