Liebespaar
Egon Schiele
1913
Das Liebespaar ist eine von drei Zeichnungen, auf denen Schieles Freund, der Maler Felix Albrecht Harta, mit einer Unbekannten Modell gestanden hat. Während Schiele in der Physiognomie auf äußersten Realismus wert legt, verstößt er in der Darstellung der Körperformen um der Ausdruckskraft willen bewusst gegen das Prinzip der anatomischen Richtigkeit: Der rechte Arm ist in seiner verdrehten Form geradezu verstümmelt, die Wade des Beine unnatürlich aufgebläht. Die Stellung der linken Hand der Frau ist kaum nachvollziehbar: Sie scheint ihren Strumpf mit beiden Händen vom Bein zu rollen, doch ist dies bei der Lage der hochgezogenen rechten Schulter mit einer normalen menschlichen Armlänge nicht möglich.
Schon hier kündigt sich die von Schiele zum Thema erhobene Kommunikationslosigkeit zwischen den Geschlechtern an: trotz größter körperlicher Intimität bleiben Mann und Frau einander fremd; unbeteiligt blickt der Mann ins Leere: Zwischen den beiden springt kein Funke über.
Das „Liebespaar“ ist eine von drei Zeichnungen, auf denen Schieles Freund, der Maler #Felix Albrecht Harta, mit einer Unbekannten Modell gestanden ist. Während Schiele in der Physiognomie auf äußersten Realismus und Wiedererkennbarkeit wert legt – bis zum Augenzwicker #Hartas -, verstößt er in der Darstellung der Körperformen um der Ausdruckskraft willen bewusst gegen das Prinzip der anatomischen Richtigkeit. Der rechte Arm ist in seiner verdrehten Form geradezu verstümmelt, die Wade des Beins unnatürlich aufgebläht. Die Stellung der linken Hand der Frau ist kaum nachvollziehbar: sie scheint ihren Strumpf mit beiden Händen vom Bein zu rollen, doch ist dies bei der Lage der hochgezogenen rechten Schulter mit einer normalen menschlichen Armlänge nicht möglich. Auch die Unterschenkel der Frau sind bewusst verzeichnet, was jedoch am Prinzip der Geometrisierung in den zeichnerischen Kleinformen nichts ändert.
So vereint Schiele gegen Ende 1913 diametral entgegengesetzte Zeichenstile zu einem spannungsreichen Ganzen: die seit dem Beginn des Jahres geläufigen Kritzeleien, die anatomisch nicht korrekten Verbiegungen, Verzerrungen, die Stauchung und Elongierung von Körperpartien mit der so anders gearteten geometrisierenden Tendenz wie die Darstellung der Kopf- und Brusthaare mit spiralförmigen Kurvaturen oder die schematisierten Stirnfalten, Augenbögen oder Lippen.
Schiele war schon 1910 und 1911 an der expressiven Betonung des Umrisses interessiert. 1913 verstärkte er diese Konturen durch eine anfangs zarte, gegen Ende des Jahres zunehmend stärkere Aquarellierung. Die koloristischen Gegensätze zwischen dem leuchtenden Orange des Tuchs und der Strümpfe, der intensiven Leuchtkraft der Haare und dem kalten, hellen Inkarnat macht diese erotische Liebesdarstellung zu einer der gelungensten Arbeiten 1913. Schon hier kündigt sich die von Schiele zum Thema erhobene Kommunikationslosigkeit zwischen den Geschlechtern an: trotz größter körperlicher Intimität bleiben Mann und Frau einander fremd; unbeteiligt blickt der Mann ins Leere: Zwischen den beiden springt kein Funke über.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 249.
