Aktselbstbildnis
Egon Schiele
1916
Beim Aktselbstbildnis erweist sich Schiele als ein Meister des Naturalismus. Mit anatomischer Präzision werden sein Geschlecht, die Brusthaare und die Gesichtszüge beschrieben. Das Inkarnat wird durch die Kolorierung modelliert, sodass die unnatürliche Biegung des linken Oberschenkels kaum mehr auffällt. Interessant ist, dass Schiele, dem neben dem mimischen Ausdruck die Gestik so wichtig war, in diesem Fall beide Hände »versteckt«. Die exzentrisch aus der Mitte gerückte Komposition scheint vom Druck, der von oben auf die Gestalt einwirkt, geradezu in die Breite gequetscht zu sein.
Rahmenaußenmaß 51,6 × 67,5 × 4 cm
Während der größte Teil der Zeichnungen und Aquarelle bis 1914 autonome Werke und nicht im Zusammenhang mit Gemälden entstandene Vorstudien sind, steht das zeichnerische Schaffen in den letzten drei Lebensjahren Schieles in einem wesentlich engeren Konnex mit seiner allegorischen Monumentalmalerei: Die Signaturen und Datierungen auf den Zeichnungen designieren jedoch auch diese vorbereitenden Arbeiten letztlich zu in sich schlüssigen Kunstwerken, auch wenn Schiele selbst bereits 1914 gegenüber #Heinrich Benesch beklagte, dass er aus wirtschaftlicher Not heraus Studien, die eigentlich nur für ihn selbst bestimmt waren, „... um Werke entstehen zu lassen ...im Entstehungszustand weggeben ...“ müsse. Und 1917 schreibt der Künstler in diesem Sinn an den Verleger der ersten publizierten Schiele-Mappe, #Richard Lányi: „Sie müssen aber bedenken, dass meine Zeichnungen lediglich keinen anderen Zweck haben, als Vorbereitungen für zu malende Bilder zu sein.“ (zit. nach Leopold 1972, S. 670)
Die hockende Stellung Schieles mit dem seitlich nach vorn geneigten Kopf ist aufgrund seiner typologischen Verwandtschaft zum späten Gemälde des „Kauernden Menschenpaares“ (Österreichische Galerie Belvedere, Wien http://digital.belvedere.at/emuseum/view/objects/asitem/items$0040:3071§) wenig rätselhaft. Dennoch drängt auch diese extreme Kauerstellung nach einer Begründung. Die simple Annahme, dass sich Schiele beim Koten darstellt, wird von dem ernsten, prüfenden Blick zurückgewiesen. Auch erklärte dies zwar die Blöße des Geschlechts, nicht aber die völlige Nacktheit.
Schiele ist in diesem Werk bereits ein Meister des Naturalismus. Mit medizinischer Präzision werden sein Geschlecht, die Brusthaare und die Gesichtszüge beschrieben. Das Inkarnat wird durch die Kolorierung modelliert, sodass die unnatürliche Biegung des linken Oberschenkels kaum mehr auffällt. Interessant, dass Schiele, dem neben dem mimischen Ausdruck die Gestik so wichtig war, in diesem Fall beide Hände „versteckt“. Die exzentrisch aus der Mitte gerückte Komposition scheint vom Druck, der von oben auf die Gestalt einwirkt, geradezu in die Breite gequetscht zu sein.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 324-326.
