Der Tanz
Paul Cézanne
1869-1871
Die gesellschaftskritische, mit rohen ungezügelten Strichen ausgeführte Zeichnung zeigt in sarkastisch, karikaturhafter Übertreibung eine tief dekolletierte Tänzerin, die sich zur Musik eines Stehgeigers produziert. Ihr Publikum sind ausschließlich Männer, "vulgäre Dickwänste und steife Zylindertypen, die den Tanz als erotische Schaustellung konsumieren" (W. Hofmann, 1973, S. 55). Das Blatt ist ein charakteristisches Beispiel für Cézannes´ Frühzeit, in der er Inhalte und Form der Kunst des 19. Jahrhunderts radikal in Frage stellt. Es überwiegen zumeist kompliziert überladene Szenen und entsprechend dazu ein vehementer, fiebrig-nervöser Strich. Die Skizze ist mit heftigen, sperrigen Linien ohne Rücksicht auf Körpervolumen und räumlicher Distanz flächengebend ausgeführt, wobei das rohe grafische Gerüst mit unentwirrbaren, gebündelten oder abrupt abbrechenden Strichlagen dem abstoßendem Sujet kongenial gerecht wird. Die Entstehung der Zeichnung wird in der Literatur allgemein um 1869-1871 angesetzt: auf einem Skizzenblatt in Budapest (Szépmüveszeti Muzeum) findet sich eine der Tänzerin idente Bewegungsstudie. Es handelt sich dabei allerdings noch um eine männliche Aktfigur, deren Haltung mit empor gerissenen Armen und nach hinten weggestrecktem Bein von #Michelangelo inspiriert wurde. Sie entspricht seitenverkehrt der Figur Christi in der Rötelzeichnung der "Auferstehung" von Michelangelo (Paris, Musée du Louvre), die Cézanne in dem zweibändigen Werk "Notice des dessins...exposés...au Louvre" von #Frédéric Reiset kennen gelernt haben dürfte. Das Budapester Blatt weist darüber hinaus eine kleine Vorstudie einer nackten, kauernden Frauengestalt auf, die Cézanne für "Eine moderne Olympia" (Venturi, Nr. 106) verwendet hat. Die erste Fassung dieses Gemäldes wird zwischen 1869-1870 datiert, die zweite (Venturi, Nr. 225) drei Jahre später. Da die Figur der Olympia in beiden Versionen sehr ähnlich ist, scheint es naheliegend, dass die Budapester Studie bereits für das erste Bild um 1869-1870 skizziert wurde. Die Wiener Zeichnung, in der Cézanne die nach Michelangelo kopierte Stellung Christi in die Pose der Tänzerin überträgt, dürfte demnach in unmittelbarer zeitlicher Nähe entstanden sein.
zitiert aus: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Christine Ekelhart (Bearb.), Die französischen Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Bd. XI, Wien/Köln/Weimar 2007, S. 60, Nr. 22.
