Albrecht Dürer, Venezianerin, Inv. Nr.: 3064r
Venezianerin
Albrecht Dürer, Venezianerin, Inv. Nr.: 3064r
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Venezianerin

Albrecht Dürer

1495




Künstler:in (Nürnberg 1471 - 1528 Nürnberg)
Date1495
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesFeder in Grau und Schwarz, Pinsel in Braun, grau laviert
Dimensions29 x 17,3 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number3064r
Signedl.u. "1495" und Dürer-Monogramm "A d"
Markingsl.u. Herzog Albert von Sachsen-Teschen (Lugt 174)
WatermarkKein Wasserzeichen
Text

Die gegenüber Dürers Frauendarstellungen der Nürnberger Umwelt deutlich aufwändiger gekleidete und reicher geschmückte Venezianerin galt bis 1892 als "altdeutsche Edelfrau", was den Interpreten des 19. Jahrhunderts sowohl die prachtvolle Ausstattung der Kleidung als auch deren in bürgerlichen Kreisen unstatthafte Freizügigkeit rechtfertigte. Vor dem Hintergrund zunehmend schematisierter Kostümbilder in Trachtenbüchern des 16. und späterer Jahrhunderte, in denen etwa bereits bei #Jost Amman dieselbe Figurine mit offenen Locken, tiefem Dekolleté und geschürztem Oberkleid als "Jungfraw auß der Fugger Geschlecht" und "Venedische Braut" erscheint, wird der Irrtum erklärbar.

Der Hinweis auf Venedig erfolgte 1892 durch Gabriel von Térey in Anlehnung an die Kleidung auf #Carpaccios Gemälde zweier Frauen der venezianischen Oberschicht, deren irrige Deutung als Kurtisanen bisweilen bis heute zu finden ist. Die Blickrichtung auf das einschlägige Milieu festigte Dürers eigene Adaption seiner Venezianerin als Babylonische Hure der "Apokalypse" (Inv. DG1934/368), wodurch die Kostümstudie zur "welschen Kurtisane" wurde, ehe Josef Meder 1912 auf Ähnlichkeiten mit der "alten" venezianischen Geschlechterbraut in #Cesare Vecellios Trachtenbuch von 1590 verwies. Seither galt die Kleidung der Dargestellten unter Verwendung der dort vorgefundenen Kostümbeschreibung als entschlüsselt, womit jedoch Dürers naturnahe Bestandsaufnahme von 1495 zwangsläufig den Verzeichnungen des fast hundert Jahre später entstandenen Trachtenbuches unterworfen wurde. Der von Dürer so detailliert wiedergegebene Aufbau der Kleidung aus unifarbenem Miederrock mit geknöpfter Vorderöffnung und einer von der rechten Hand gehaltenen Schleppe, dem darunter getragenen "Unterrock" mit großflächigem Granatapfelmuster und dem im Miederausschnitt sowie zwischen den lose verbundenen Ärmelabschnitten hervortretendem Hemd wurde bei Vecellios "Donzella antica da maritare" zu einer Kombination aus Hemd, Kleid und um die Taille gebundener, zweiteiliger Seidenschürze. Vecellios Benennung der Zierschütze als "rocchetto" ging fälschlicherweise als historische Bezeichnung des von Dürer wiedergegeben Kleides in die Literatur ein. Auf die zeitliche Nähe von Dürers Kostümstudie und Carpaccios (dort immer noch als Kurtisanen bezeichneten) Frauenbilder verwies Mary Stella Newton in ihrer Untersuchung zur venezianischen Kleidung auch aufgrund der Haartracht und der hochsohligen Pantoffeln ("zoccoli"), die auf dem Wiener Blatt nicht nur auf der Vorderseite unter dem Rocksaum hervortreten, sondern mit einer nahsichtigen Darstellung der geschürzten Schleppe auch auf der Rückseite (Inv. 3064v) als Detailstudie erscheinen. Auf ein weiteres Glied in der Reihe venezianischer Frauendarstellungen aus dem letzen Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, das zudem Vecellios rückblickender Variante weit näher als die Dürer-Zeichnung steht, machten unlängst Augusto Gentili und Flavia Polognano mit einer ebenfalls Carpaccio zugeschriebenen Illustration aus dem venezianischen Familienbuch der Familie de' Freschi aufmerksam.

Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 23, S. 164.

Catalogue raisonné
  • Tietze/Tietze-Conrat 1933, 37
  • Winkler 69
  • Strauss 1495/4
  • Bibliography
  • Térey 1892, S. 20
  • Meder 1911/12, S. 204
  • AK Albertina 1971, Nr. 11
  • Newton 1988, S. 50-55
  • AK Albertina/Amsterdam 1989/90, Nr. 15
  • Zander-Seidel 1990, S. 20 f.
  • Hinz 1993, S. 206
  • AK Venedig 1993, S. 74-81
  • AK New York 1997, Nr. 5
  • AK Venedig 1999, S. 264
  • AK New York u. a. 1997-1999, Nr. 2
  • AK Oslo 2002, Nr. 4
  • Schoch u. a. 2002, S. 101
  • AK Albertina 2003, Nr. 23 (J. Zander-Seidel)
  • AK Madrid 2005, S. 97-99, Nr. 8 (J. Zander–Seidel)
  • Silver/Smith 2010, S. 26, 101
  • Smith 2012, S. 62-63, 65
  • Strieder 2012, 150, 163
  • AK Washington 2013, S. 79-80, Nr. 14 (J. Zander-Seidel)
  • AK The Young Dürer. Drawing the Figure, London, The Courtauld Gallery, 2013, S. 215, unter Nr. 28 (Stephanie Porras)
  • AK Dürer. Kunst - Künstler - Kontext, Städel Museum Frankfurt a. M. 2013, S. 180, unter Nr. 6.4 (Jochen Sander)
  • Andrew John Martin, in: AK Dürer e il Rinascimento tra Germania e Italia (Mailand, Palazzo Reale 2018), Mailand 2018, S. 327-328, Nr. 1/14
  • AK Albrecht Dürer, Albertina, Wien 2019, S. 452, Kat. 65
  • Guido Beltramini, Francesca Borgo und Giulio Manieri Elia (Hg.), Corpi moderni. La costruzione del corpo nella Venezia del Rinascimento. Leonardo, Michelangelo, Dürer, Giorgione, Ausst.-Kat. Gallerie dell’Accademia di Venezia, Venedig 2025, S. 286, Nr. 60 (Elena Colombo)
  • Anja Grebe, Albrecht Dürer. Der Künstler und seine Zeit, Berlin 2025, S. 47
  • Provenance
  • wohl Kaiser Rudolf II.
  • Kaiserliche Schatzkammer
  • seit 1783 Kaiserliche Hofbibliothek
  • 1796 an Herzog Albert von Sachsen-Teschen
  • (Kein Hinweis auf Hofbibliothek im Alten Cahier III)
  • Online resources
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    Last edited24.06.2026