Venezianerin
Albrecht Dürer
1495
Die gegenüber Dürers Frauendarstellungen der Nürnberger Umwelt deutlich aufwändiger gekleidete und reicher geschmückte Venezianerin galt bis 1892 als "altdeutsche Edelfrau", was den Interpreten des 19. Jahrhunderts sowohl die prachtvolle Ausstattung der Kleidung als auch deren in bürgerlichen Kreisen unstatthafte Freizügigkeit rechtfertigte. Vor dem Hintergrund zunehmend schematisierter Kostümbilder in Trachtenbüchern des 16. und späterer Jahrhunderte, in denen etwa bereits bei #Jost Amman dieselbe Figurine mit offenen Locken, tiefem Dekolleté und geschürztem Oberkleid als "Jungfraw auß der Fugger Geschlecht" und "Venedische Braut" erscheint, wird der Irrtum erklärbar.
Der Hinweis auf Venedig erfolgte 1892 durch Gabriel von Térey in Anlehnung an die Kleidung auf #Carpaccios Gemälde zweier Frauen der venezianischen Oberschicht, deren irrige Deutung als Kurtisanen bisweilen bis heute zu finden ist. Die Blickrichtung auf das einschlägige Milieu festigte Dürers eigene Adaption seiner Venezianerin als Babylonische Hure der "Apokalypse" (Inv. DG1934/368), wodurch die Kostümstudie zur "welschen Kurtisane" wurde, ehe Josef Meder 1912 auf Ähnlichkeiten mit der "alten" venezianischen Geschlechterbraut in #Cesare Vecellios Trachtenbuch von 1590 verwies. Seither galt die Kleidung der Dargestellten unter Verwendung der dort vorgefundenen Kostümbeschreibung als entschlüsselt, womit jedoch Dürers naturnahe Bestandsaufnahme von 1495 zwangsläufig den Verzeichnungen des fast hundert Jahre später entstandenen Trachtenbuches unterworfen wurde. Der von Dürer so detailliert wiedergegebene Aufbau der Kleidung aus unifarbenem Miederrock mit geknöpfter Vorderöffnung und einer von der rechten Hand gehaltenen Schleppe, dem darunter getragenen "Unterrock" mit großflächigem Granatapfelmuster und dem im Miederausschnitt sowie zwischen den lose verbundenen Ärmelabschnitten hervortretendem Hemd wurde bei Vecellios "Donzella antica da maritare" zu einer Kombination aus Hemd, Kleid und um die Taille gebundener, zweiteiliger Seidenschürze. Vecellios Benennung der Zierschütze als "rocchetto" ging fälschlicherweise als historische Bezeichnung des von Dürer wiedergegeben Kleides in die Literatur ein. Auf die zeitliche Nähe von Dürers Kostümstudie und Carpaccios (dort immer noch als Kurtisanen bezeichneten) Frauenbilder verwies Mary Stella Newton in ihrer Untersuchung zur venezianischen Kleidung auch aufgrund der Haartracht und der hochsohligen Pantoffeln ("zoccoli"), die auf dem Wiener Blatt nicht nur auf der Vorderseite unter dem Rocksaum hervortreten, sondern mit einer nahsichtigen Darstellung der geschürzten Schleppe auch auf der Rückseite (Inv. 3064v) als Detailstudie erscheinen. Auf ein weiteres Glied in der Reihe venezianischer Frauendarstellungen aus dem letzen Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts, das zudem Vecellios rückblickender Variante weit näher als die Dürer-Zeichnung steht, machten unlängst Augusto Gentili und Flavia Polognano mit einer ebenfalls Carpaccio zugeschriebenen Illustration aus dem venezianischen Familienbuch der Familie de' Freschi aufmerksam.
Albrecht Dürer, Ausstellungskatalog, hg. von K. A. Schröder und M. L. Sternath, Albertina, Wien 2003, Abb. 23, S. 164.
