Kopf des Jesusknaben (Detail aus "Christus unter den Schriftgelehrten")
Albrecht Dürer
1506
Dürer hat für seine in Venedig ausgeführten Studien (Inv. 3106 und Inv. 3099) fast ausschließlich blaues venezianisches Papier verwendet. Die blaue Farbe ermöglichte es dem Künstler, ausgehend von einem Mittelton gleichzeitig jeweils die hellsten wie die dunklen Partien mit der ihm eigenen linearen Pinselführung herauszuarbeiten. Diese beiden ursprünglich auf einem Folioblatt gezeichneten und heute getrennten, hier aber wieder zusammengefügten Kopfstudien bereiteten jeweils einen Kopf auf zwei verschiedenen, aber zeitgleich in Venedig ausgeführten Tafelbildern vor. Der linke Kopf entspricht dem Kopf des Engels auf Dürers Rosenkranzfest, der rechte Kopf jenem des 12-jährigen Hauptdarstellers auf der Tafel Jesus unter den Schriftgelehrten. Erst die Zusammenfügung lässt erkennen, wie die beiden Studien ursprünglich kunstvoll komponiert aufeinander bezogen waren.
Dürer almost exclusively used blue Venetian paper for the studies he executed in the City of Canals. The blue color enabled the artist, proceeding from a midtone, to work out the brightest as well as the darkest passages with his own linear use of brushstrokes. Originally drawn on a single folio sheet and later separated, the two head studies have been reassembled here. They are each a preliminary work for a head in different panel paintings made by Dürer in Venice around the same time. The head on the left (Inv. 3099) corresponds to the head of the angel in Dürer’s Feast of the Rose Garlands, the one on the right (Inv. 3106) to the twelve-year-old main protagonist in the representation of Christ among the Doctors. Only after being reassembled do we see how artfully the two studies were originally composed and correlated.
Rahmenaußenmaß 55,5 × 68,5 × 4,8 cm
1506/07 hielt sich Albrecht Dürer zum zweiten Mal in Venedig auf. Er überließ seine gutgehende Werkstatt der Obhut seiner Frau Agnes, die das Unternehmen mit großem Geschäftssinn weiterführte. Vermutlich hatte Dürer schon vor seiner Abreise in den Süden der Auftrag ereilt, für die Niederlassung der deutschen Kaufmannschaft im Fondaco dei Tedeschi in der Bartholomäuskirche in Venedig das so genannte "Rosenkranzbild" zu malen. In Venedig angekommen, arbeitete Dürer an diesem Bild und gleichzeitig an dem sich heute in der Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid befindlichen Gemälde "Christus und die Schriftgelehrten" (https://www.museothyssen.org/en/collection/artists/durer-albrecht/jesus-among-doctors§). Die beiden Studien der Albertina, "Kopf des Laute spielenden Engels" (Inv. 3099) und "Kopf des Jesusknaben", bereiteten die Köpfe der jeweiligen Protagonisten der beiden betreffenden Gemälde vor.
Beide Studien waren ursprünglich auf einem Blatt vereint und wurden zu einem späteren, uns heute unbekannten Zeitpunkt auseinandergeschnitten. Der Engelskopf befand sich links neben dem Kopf des Jesusknaben. Der die ursprüngliche Studie in zwei Hälften teilende Schnitt erfolgte durch die Schulter des Engelsporträts, sodass ein Teil davon auf der Studie mit dem Kopf des Jesusknaben in der linken unteren Ecke erkennbar ist. Die Zusammenschau beider Blatthälften zeigt, dass die beiden Köpfe durch ihre Blickrichtungen miteinander und mit dem Betrachter kommunizierten. Zweifellos hat Dürer die beiden porträthaften Köpfe nach lebenden Modellen gezeichnet. Vor allem der lebendige Gesichtsausdruck und der Blick des Engelskopfes sprechen für diesen Umstand; der Blick des Jesusknaben scheint demgegenüber etwas gebrochen, was auf eine Retusche, die mit der Trennung der Zeichnung in Zusammenhang stehen könnte, zurückzuführen ist.
Albrecht Dürer hat während seines zweiten Aufenthaltes in Venedig fast ausschließlich blaues venezianisches Papier für die Vorstudien zu seinen Gemälden verwendet. Die blaue Farbe der so genannten Carta azzura ermöglichte es dem Künstler, Helldunkelkontraste aus einem Mittelton anschaulich herauszuarbeiten. Mit feinem Pinsel hat Dürer die hellen und die dunklen Werte des Haupthaares differenziert und mittels Kreuzlagen und parallelen Linien die Rundungen der Wangen, die Wölbung der Stirn und das hervortretende Kinn modelliert.
Ursprünglich von der italienischen Künstlerschaft mehr als hervorragender Grafiker geschätzt, überzeugte Dürer mit dem Rosenkranzbild so eindrücklich, dass er in Italien ab nun auch als glänzender Maler angesehen wurde. Das Gemälde befindet sich heute in der Prager Nationalgalerie, nachdem es von Kaiser Rudolf II. 1606 erworben und nach Prag gebracht worden war, wo es dann im Dreißigjährigen Krieg durch die schwedischen Plünderungen und durch unsachgemäße Restaurierungen sehr gelitten hat. Kaum bekannt sind hingegen die Umstände um die Entstehung und Geschichte des Madrider Bildes "Christus und die Schriftgelehrten". Erst ab 1634 ist das Bild in der Sammlung Barberini in Rom nachweisbar. Dieser Umstand und die im Zuge einer 1958/59 durchgeführten Restaurierung erfolgte Freilegung einer Beschriftung, die heute nicht mehr vorhanden ist, ließen an eine Ausführung des Bildes in Rom denken. Diese Annahme wird heute ebenso angezweifelt, wie Dürers auf dem Gemälde schriftlich festgehaltene Behauptung, wonach er das Bild in nur fünf Tagen ausgeführt hätte.
Heinz Widauer, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 8.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/40120/kopf-des-jesusknaben-detail-aus-christus-unter-den-schriftImage Request