Grimassierendes Aktselbstbildnis
Egon Schiele
1910
Dieses Selbstbildnis zählt zu jenen wichtigen Beispielen, in denen wir Schieles Interesse an dokumentarischen Aufnahmen psychisch Kranker ablesen können. Der Künstler scheint von einem inneren Schmerz befallen zu sein. Die abnormen Proportionen des Körpers – die insektenartig langen und dünnen Extremitäten – verstärken den allgemeinen pathologischen Eindruck. Die beiden abgewinkelten, durch keine natürliche Bewegung in ihrer Haltung motivierten Arme weisen ein geradezu schmerzhaft-krankes Körpergefühl aus.
Diese Gebärdensprache ist Symbolfigur für gesellschaftliche Entfremdung, sie ist eine drastische Demonstration der geistigen Unzugänglichkeit des Menschen. Mit diesen Selbstinszenierungen hat Schiele den wichtigsten Beitrag im österreichischen Frühexpressionismus geleistet.
Rahmenaußenmaß 77,3 × 57,7 × 3,3 cm
Das "Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid" (Inv. 30395) und das "Grimassierende Aktselbstbildnis" zählen zu jenen wichtigen Beispielen, in denen wir Schieles Interesse an dokumentarischen Aufnahmen psychisch Kranker ablesen können.
Der Künstler scheint in einen krampfartigen Zustand verfallen zu sein. Die abnormen Proportionen des Körpers - die insektenlangen dünnen Extremitäten - verstärken den allgemeinen pathologischen Eindruck. Die beiden abgewinkelten, durch keine natürliche Bewegung in ihrer Haltung motivierten Arme weisen geradezu eine schmerzhaft-kranke Desintegration des Körpergefühls aus. Wie bei einer Gliederpuppe geht die psychisch unkoordiniert wirkende, baumelnde Beweglichkeit der Extremitäten nicht von einem psycho-physischen Zentrum aus.
Wir finden zu den Grimassen des Körpers und des Gesichts keinen Zugang, weil sie von keiner lebensweltlichen Erfahrung des Betrachters im Umgang mit Menschen gedeckt ist: eine drastische Demonstration der geistigen Unzugänglichkeit des Menschen. Mit diesen performativen Erfindungen hat Schiele - noch vor der Enttabuisierung der Sexualität - den wichtigsten Beitrag im österreichischen Frühexpressionismus geleistet. So wenig der Kopf und die nicht von einem antiken Ideal des Kontraposts motivierte ungleiche Schulterhöhe mit dem Oberkörper harmonieren, so wenig stehen die Arme mit den Händen in einem motorisch natürlichen Zusammenhang. Wie so oft bei Schiele sind es Hände, die nicht greifen können, nichts halten können: gespreizt, mit angewinkelten, amputierten Daumen, unbrauchbare Werkzeuge.
Diese Selbstporträts sind nicht denkbar ohne Schieles Interesse an partialen und isolierten Momenten des Gesichts, der Handhaltung oder anderer Körperteile. Vorgeprägt ist diese Partialisierung von der medizinischen Dokumentationsfotografie von Hysterikerinnen. Diese neue Ikonografie war wohl deshalb so anregend, weil sie gleichsam experimentell nachweist, dass der Mensch über wesentlich mehr mimische und gestische Ausdrucksweisen verfügt als bisher von der Kunst und ihrem begrenzten Kanon an Körperhaltungen und Gesichtsausdrücken ausgelotet wurden. Die von D. M. Bourneville und Paul Régnard (1876 bis 1880) publizierten drei Bände der "Iconographie photographique de la Salpetrière" waren ein Lehrbuch für bislang unbekannte körpersprachliche Ausdrucksformen. Zugleich wiesen sie von vornherein eine tiefe Affinität zum Selbstverständnis des Künstlers als Artiste maudit auf: zu dessen Isolation und Einsamkeit, seiner Entfremdung von der Gesellschaft wie von sich selbst.
Die verschiedenen verkrampften Gebärden der Patientinnen in Jean-Martin Charcots "Salpetrière" belegten fotografisch die Inkohärenz zwischen Körper und Geist. Die kataleptischen Arm- und Handhaltungen liefern bis zum weggeklappten Daumen, dem gestischen Markenzeichen Schieles, die kulturhistorischen Vorbilder. Ebenso ist in diesen Bildbänden pathologischer Krampferscheinungen erstmals das Nebeneinander von krampfhafter Körpersprache und lethargischem Gesichtsausdruck nachgewiesen: ein Merkmal so vieler Porträts und Selbstporträts Schieles.
Mit dieser unakademischen Choreografie des Pathologischen durchbricht Schiele zugleich den klassischen Kanon des Schönen: Das ist der eigentliche Limes, der den Expressionisten vom Wiener Jugendstil trennt. Inhaltlich beweisen diese konstruierten Fotografien dem Künstler die Existenz verborgener, aber nichts desto weniger äußerst wirkungsmächtiger Kräfte im Menschen.
Klaus Albrecht Schröder, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best., Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, S. 517-518.
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