Triestiner Fischerboot
Egon Schiele
1912
Der technische und stilistische Unterschied zwischen dem Orangen-Stilleben auf einer Decke (Inv. 31026), die sich von ihrem dumpfen Grau in ein sattes Braun mit leuchtenden Streifen verwandelt hat, legt noch einmal die Frage nahe, ob die Gouache des Triestiner Boots nicht doch im Gefängnis – und zwar aus dem Gedächtnis gemalt – entstanden sein könnten. Auch wenn das Fehlen der Beschriftung der anderen Gefängnisblätter auffällt, so verbindet sich doch das Triestiner Schifferboot mit dem Orangen-Stilleben.
So blind #Comini den Tagebuchaufzeichnungen vertraut hat und so radikal Rudolf Leopold jeglichen Anspruch auf Authentizität verworfen hat, so sehr nehmen wir an, dass #Roessler grundsätzlich die Gedanken und Empfindungen Schieles wiedergegeben und zitiert hat, wie er sie vom Künstler selbst gehört hat.
Das Fehlen einer entsprechenden Beschriftung auf dem Triestiner Fischerboot könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass das Werk jedenfalls nach der den Künstler vom ungewissen Strafausmaß befreienden, wenn auch demütigenden Urteilsverkündung entstanden ist. Auffällig ist, dass auch die landschaftliche Umgebung fehlt, die alle anderen, mit Sicherheit im Mai in Triest entstandenen Gouachen auszeichnet.
Dennoch, auch #Leopolds Hinweis auf den Detailreichtum des Fischerboots, von dem er sich nicht vorstellen kann, dass er aus dem Gedächtnis gemacht werden konnte, ist nicht von der Hand zu weisen (Leopold 1972, S. 248). Demnach wäre dieses Holzboot gemeinsam mit dem „Dampfer und Segelbooten im Hafen von Triest“ (Inv. 31121) während des Sommeraufenthalts 1912 vor Ort am Meer gemacht worden. Schiele hat von Kärnten aus einen Abstecher nach Triest unternommen.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 221.
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