Selbstbildnis als Halbakt in schwarzer Jacke
Egon Schiele
1911
In dem Selbstbildnis in schwarzer Jacke reibt der Künstler sein Geschlecht. Trostlos und ohne Anzeichen von Erregung blickt die triste Gestalt in den Spiegel. Bei dieser Selbstinszenierung handelt es sich um ein Rollenspiel Schieles, dennoch mutet es fast prophetisch an, dass er sich selbst in diesem ausdrucksstarken Blatt als jenen Lüstling vorweggenommen hat, als den ihn – zu Unrecht – ein Jahr später das Bezirksgericht in St. Pölten verurteilen will.
In die Irre ginge, wer meinte, Schieles Selbststilisierung als Heiliger und Seher, als Prophet, Mönch oder Asket, kennt als Kehrseite derselben Medaille des Rollenspiels nur die den Betrachter als Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft zurückweisende Fratze. Gewiss, Schieles fratzenhafte Selbstporträts sind zentral für das Beziehungsgeflecht zwischen Bild und Betrachter: zerschneidet es doch die im Blickkontakt grundsätzlich beheimatete Hoffnung auf ein Gespräch und den gelungenen gegenseitigen geistigen Austausch.
Aber so wie sich Schiele hinter der grimassierenden Fratze verbirgt und damit selbst als asozial maskiert, demoliert er im Rollenspiel des Triebhaften, ja dem Trieb tierisch Verfallenen, die Zivilisierung der Gefühle.
Vermutlich in den ersten Monaten des Jahres 1911 zeichnet Schiele das "Selbstbildnis als Halbakt in schwarzer Jacke". Der Künstler reibt bzw. reizt sein Geschlecht, trostlos und ohne Anzeichen der Erregung blickt die triste Gestalt in den Spiegel.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 162.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/3038/selbstbildnis-als-halbakt-in-schwarzer-jackeImage Request