Das Mädchen mit dem Murmeltier
Jean-Honoré Fragonard
1780er Jahre
Dargestellt ist eine junge Savoyardin. Fragonard hat sein Modell mit den gängigen Attributen wie dem Murmeltier – ein beliebtes Schaustück der Savoyarden – und dem typischen, von den Zeitgenossen als »Marmotte« (Murmeltier) bezeichneten Kopftuch ausgestattet. Die besonders arme Bevölkerung Savoyens war oft gezwungen, sich auf Jahrmärkten Geld zu verdienen. Als Schausteller traten sie häufig mit einem dressierten Murmeltier auf. Das geschminkte Gesicht, der einladende Blick, das freizügig umgelegte Brusttuch, der frech auf die Hüfte gestützte Arm, das Murmeltier in seiner halb geöffneten Schachtel sowie das flott gebundene Kopftuch lassen verschlüsselte sexuelle Anspielungen erkennen.
Das "Mädchen mit dem Murmeltier" gehört zu Fragonards bekanntesten und beliebtesten Werken. Stets wird auf den Charme und die künstlerische Qualität der Darstellung hingewiesen, ohne näher auf Probleme wie Datierung oder die Verbindung zu den diversen gemalten Fassungen dieses Themas oder der Identität der jungen Frau einzugehen. Diese Fragen wurden erstmals von Pierre Rosenberg im Katalog der Fragonard-Ausstellung 1987/88 (AK Paris/New York 1987/88, Nr. 297) aufgezeigt und zur Diskussion gestellt. Demnach könne man, wie das bisher geschah, keineswegs mit Sicherheit annehmen, dass es sich bei dem Mädchen um Fragonards Tochter Rosalie (1769-1788) handelt. Zieht man die Kreidezeichnung des Louvre mit dem Porträt Rosalies (AK Paris/New York 1987/88, Nr. 293; https://collections.louvre.fr/ark:/53355/cl020016178§) zum Vergleich heran, fällt an der Tochter des Künstlers ein eher derber Gesichtstypus mit breiter Nase und starkem, vollem Kinn auf, während das Mädchen mit dem Murmeltier feinere, lieblichere Gesichtszüge zeigt. Diese finden sich dafür in verwandter Weise bei der "Drehleierspielerin" wieder, einem heute verschollenen Gemälde (AK Paris/New York 1987/88, S. 566, Abb. 9), das die im Paris des späten 18. Jahrhunderts sehr populäre Straßen- und Jahrmarktsmusikantin Françoise Chemin darstellen soll. Ein weiteres Problem bildet das Sujet selbst, das vermutlich keineswegs nur das Abbild eines hübschen Mädchens ist, sondern darüber hinaus - betrachtet man das geschminkte Gesicht, den herausfordernden, einladenden Blick, das freizügig gebundene Brusttuch, den frech auf die Hüfte gestützten Arm sowie das Murmeltier in seiner halb geöffneten Schachtel, ein beliebtes Schaustück der Savoyarden - als verschlüsselte sexuelle Anspielung gedeutet werden kann.
Im grafischen Œuvre Fragonards überwiegen Kreide-, Rötel- und monochrome Pinselzeichnungen. Das vorliegende Aquarell, das durch die Verwendung von Blau-, Braun-, Rot- und Weißtönen eine farbenfrohe Wirkung erzielt, bildet in seiner koloristischen Auffassung eher eine Ausnahme, was sich vielleicht dadurch erklären lässt, dass die Zeichnung in engem Zusammenhang mit den Gemäldefassungen gleichen Themas, entweder als Vorlage oder als nachträglich entstandene Aquarellversion, zu sehen ist (AK Paris/New York 1987/88, S. 566, Abb. 1, 3, 5, 7). Als Gegenstück dieser Bilder figurieren jeweils Savoyardenknaben, in denen man - analog zu Rosalie - Fragonards Sohn Alexandre-Évariste (1780-1850) dargestellt glaubte.
Christine Ekelhart, in: Klaus Albrecht Schröder (Hg.), Die großen Meister der Albertina (Kat. Best. Albertina, Wien 2008), Petersberg 2008, Nr. 146.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/34196/das-madchen-mit-dem-murmeltierImage Request