Marguerite Gérard (?), zeichnend
Jean-Honoré Fragonard
1775-1780
Die Darstellung zeigt eine junge Künstlerin, die gerade im Begriff ist, die Heilige Familie zu zeichnen. Als Inspiration, besonders für die Haltung des stehenden Jesusknaben, diente ein Gemälde von Bartolomeo Schedoni, das die Heilige Familie in vergleichbarer profaner Weise darstellt (Neapel, Palazzo Reale) und das Fragonard 1761 in Neapel kopiert hat. Als Zeichnerin dürfte Fragonard seine Schwägerin Marguerite Gérard (1761–1837) wiedergegeben haben, die 1775 nach Paris gekommen war, um ihrer elf Jahre älteren Schwester im Haushalt behilflich zu sein. Marguerite wurde Schülerin und schließlich Mitarbeiterin Fragonards.
Während in Fragonards Gemälden größtenteils leuchtende Farben dominieren, sind seine Zeichnungen überwiegend monochrom ausgeführt, vermitteln aber dank dem vollendeten Umgang mit dem Pinsel in Braun oder Schwarz von tiefstem Dunkel bis zu hellsten Lichtpartien gleichermaßen den Eindruck reich nuancierter Valeurs. Die stilistische Freiheit und Eigenständigkeit, die Fragonards Arbeiten auf Papier auszeichnen, belegen, dass er in ihnen weniger Studienmaterial als vielmehr autonome Kunstwerke sah, wofür die Wiener Pinselzeichnung ein anschauliches Beispiel ist. Die Darstellung zeigt eine junge Künstlerin, die gerade im Begriff ist, die heilige Familie zu zeichnen. Dass diese Figurengruppe als solche erkannt werden kann, belegen thematisch verwandte Gemälde Fragonards, die ähnlich idealisierte, aber dennoch alltägliche Figurentypen zeigen (z. B. Ruhe auf der Flucht, Troyes, Musée des Beaux-Arts; Abb. in: Paris, New York 1987/88, Nr. 228). Als Inspiration, besonders für die Haltung des stehenden Jesusknaben, diente vermutlich ein Gemälde von Bartolomeo Schedoni, das die heilige Familie in vergleichbarer profaner Weise darstellt (Neapel, Palazzo Reale) und das Fragonard 1761 in Neapel kopiert hat (Abb. X/X). Als Zeichnerin dürfte Fragonard seine Schwägerin Marguerite Gérard (1761–1837) wiedergegeben haben, die 1775 nach Paris gekommen ist, um ihrer elf Jahre älteren Schwester im Haushalt behilflich zu sein. Marguerite wurde Schülerin und schließlich Mitarbeiterin Fragonards. Die Datierung der Zeichnung kann demnach in der zweiten Hälfte der 1770er-Jahre angenommen werden.
Das Blatt, in dem eine große und eine kleine, ihr untergeordnete Dreieckskonstruktion als klassische Kompositionsform verwendet wurden, ist beispielhaft für Fragonards bravouröse Beherrschung der monochromen Pinselzeichnung. Mit Hilfe nuancierter Helldunkelstrukturen wird die Stofflichkeit der verschiedenen Materialien charakterisiert: So werden die aufmerksamen Gesichtszüge des Mädchens mit feinem Pinsel subtil festgehalten, während kräftige, mit sattem Pinsel aufgetragene Linien vor allem die Schattenpartien der weich fließenden Gewandfalten kennzeichnen.
Die virtuose, auf Licht- und Schattenwirkung beruhende Zeichnung Fragonards erinnert trotz aller individueller künstlerischer Eigenart an Arbeiten von Rembrandt. Es ist bekannt, dass Fragonard ein großer Bewunderer dieses Künstlers war und 1771 einige seiner Zeichnungen und Radierungen aus dem Nachlass von François Boucher erwerben konnte (zit. nach: Washington, Cambridge, New York 1978/79, S. 124).
Klaus Albrecht Schröder und Heinz Widauer (Hg.), Von Poussin bis David, Wien, Albertina, 2017, S. 134, Nr. 51.
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