Egon Schiele, Selbstbildnis mit entblößtem Nabel, Inv. Nr.: 33358
Selbstbildnis mit entblößtem Nabel
Egon Schiele, Selbstbildnis mit entblößtem Nabel, Inv. Nr.: 33358
Credit: ALBERTINA, Wien Image: ALBERTINA, Wien

Selbstbildnis mit entblößtem Nabel

Egon Schiele

1911




Gegen Ende des Jahres 1910 hat sich Schiele in einer Serie eindrucksvoller Selbstporträts (Inv. 23595 und Inv. 33358) als krankhaft abgemagerter, rachitisch ausgezehrter Körper imaginiert. Trotz seiner überlieferten Schlankheit gehen diese Darstellungen in ihrer knochigen Magerkeit weit über jedes natürliche Maß hinaus: Es sind kranke Leiber, deren Leiden durch das fahle, blutunterlaufene Inkarnat noch unterstrichen wird. Zudem verwendet Schiele oft mehrere Spiegel, um schwer zugängliche Ansichten des eigenen Körpers zu gewinnen. Der Künstler wird zugleich als hässlich und obszön inszeniert.


Künstler:in (Tulln 1890 - 1918 Wien)
Date1911
Object TypeZeichnung
Object typeDrawing
Materials / TechniquesBleistift, Aquarell auf Japanpapier
Dimensions55,6 × 36,4 cm
CreditALBERTINA, Wien
Object number33358
Signedr.u. "S. 11."
Text

Gegen Ende des Jahres 1910 hat sich Schiele in einer Serie an eindrucksvollen Selbstporträts als krankhaft abgemagerter, rachitisch-ausgezehrter Körper imaginiert. Trotz der überlieferten Typisierung des Künstlers als schlank, leptosom, gehen diese Darstellungen in ihrer knochenhaften Magerkeit weit über jedes natürliche Maß hinaus: Es sind kranke Leiber, deren Leiden durch das fahle blutunterlaufene Inkarnat noch unterstrichen wird. Diese Selbstthematisierungen sind von Zwang und Gepresstheit gekennzeichnet.


Die Darstellung widerspricht in ihrem Körperbau nicht nur jeglichem akademisch sanktionierten Ideal eines athletischen Leibes. Der Blick kontaminiert auch das in der Kunst traditionell von einem männlichen Akt erwartete Selbstbewusstsein: Mit riesigen, verblüfft fragenden Augen blickt der Künstler auf sein eigenes fremdes Spiegelbild.

 
Schiele zieht den Bauch bis zum Zerreißen zwischen Rippen und Hüften auseinander: Als ob keine Wirbelsäule existierte, die als Rückgrat den Kopf über den Oberkörper mit dem Unterleib stabil verbindet.

Das 1911 datierte Selbstbildnis ist wohl gleich am Anfang des Jahres entstanden: Noch führt Schiele den Umriss eckig und mit vielfachem harten Richtungswechsel. Auch die 1910 begonnene Eigenheit, den Akt mit Deckweiß zu umkreisen und so die Kontur in ihrem Ausdruck zu steigern, behält Schiele in den ersten Monaten 1911 bei. Beim „Selbstbildnis mit entblößtem Nabel“ steigert Schiele den Farbkontrast zwischen dem blassen Inkarnat des hochrechteckigen Bauches und dem tiefschwarzen Gewand. Die geschlossene Großform des Körpers wiederholt das Rechteck der Gestalt des Bauchs. Wie amputiert sind die Arme Schieles weggelassen, hinter den Rücken gedrückt.

vgl. Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 154.

Catalogue raisonné
  • Kallir Drawings 1990/1998, 946
  • Bibliography
  • AK Albertina 1961, Nr. 185
  • AK New York 1965, Nr. 15
  • AK Albertina 1968, Nr. 184, Abb.
  • Koschatzky 1968, Nr. 19
  • Comini 1974, Tafel 71
  • Mitsch 1974, Abb. 34
  • AK München 1975, Nr. 128, Abb.
  • Comini 1976, Abb. 36
  • Nebehay 1979, Abb. 69 (1989, Abb. 4)
  • AK Hamburg 1981, Nr. 186, Abb.
  • Friesenbiller 1985, S. 7
  • AK Albertina 1990, Nr. 79, Abb.
  • Steiner 1991, S. 9
  • Knafo 1993, S. 84
  • Fischer 1994, S. 157
  • AK London 2001 a, ohne Nr.
  • AK Amsterdam 2005, S. 63, Abb.
  • Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, Nr. 72
  • Helmut Friedel und Helena Pereña (Hg.), Egon Schiele "Das unrettbare Ich". Werke aus der Albertina, Ausst.- Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus München, Köln 2011, Nr. 23
  • Klaus Albrecht Schröder, in: Museo Guggenheim Bilbao (Hg.), Egon Schiele. Obras del Albertina Museum, Viena, (Kat. Ausst., Museo Guggenheim Bilbao, Bilbao 2012/2013), Bilbao 2012, S. 80-81 (in spanischer Sprache)

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    Last edited23.06.2021