Selbstbildnis mit entblößtem Nabel
Egon Schiele
1911
Gegen Ende des Jahres 1910 hat sich Schiele in einer Serie an eindrucksvollen Selbstporträts als krankhaft abgemagerter, rachitisch-ausgezehrter Körper imaginiert. Trotz der überlieferten Typisierung des Künstlers als schlank, leptosom, gehen diese Darstellungen in ihrer knochenhaften Magerkeit weit über jedes natürliche Maß hinaus: Es sind kranke Leiber, deren Leiden durch das fahle blutunterlaufene Inkarnat noch unterstrichen wird. Diese Selbstthematisierungen sind von Zwang und Gepresstheit gekennzeichnet.
Die Darstellung widerspricht in ihrem Körperbau nicht nur jeglichem akademisch sanktionierten Ideal eines athletischen Leibes. Der Blick kontaminiert auch das in der Kunst traditionell von einem männlichen Akt erwartete Selbstbewusstsein: Mit riesigen, verblüfft fragenden Augen blickt der Künstler auf sein eigenes fremdes Spiegelbild.
Das 1911 datierte Selbstbildnis ist wohl gleich am Anfang des Jahres entstanden: Noch führt Schiele den Umriss eckig und mit vielfachem harten Richtungswechsel. Auch die 1910 begonnene Eigenheit, den Akt mit Deckweiß zu umkreisen und so die Kontur in ihrem Ausdruck zu steigern, behält Schiele in den ersten Monaten 1911 bei. Beim „Selbstbildnis mit entblößtem Nabel“ steigert Schiele den Farbkontrast zwischen dem blassen Inkarnat des hochrechteckigen Bauches und dem tiefschwarzen Gewand. Die geschlossene Großform des Körpers wiederholt das Rechteck der Gestalt des Bauchs. Wie amputiert sind die Arme Schieles weggelassen, hinter den Rücken gedrückt.
vgl. Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 154.
IIIFPermalinkhttps://sammlungenonline.albertina.at/objects/7703/selbstbildnis-mit-entblotem-nabelImage Request