Drei Gassenbuben
Egon Schiele
1910
Das Meisterwerk an unterschiedlicher Charakterisierungskunst ist zweifellos die Bleistiftzeichnung der so genannten „Drei Gassenbuben“. Trotz der strengen Komposition erzielt Schiele mit dieser Gruppe eine große Natürlichkeit. Nicht allein die Schilderung der so verschiedenen Charaktere der drei Gassenbuben steht im Dienste eines lebensechten Realismus; auch der unruhige zackige Zeichenstil Schieles fällt weniger als Stilcharakteristikum auf denn als Kennzeichnung der verlotterten, ärmlichen Kleidung. Selbst die Hände werden unter dem Stilzwang dieser Zeit zu schwieligen Proletarierhänden. Die Differenzierung der Druckstärke des weichen Bleistifts ersetzt bei diesem Blatt die zeichnerische Aquarellierung mit dem Pinsel.
Es lohnt, Schieles Standardisierung der Körperhaltungen und Gesten zu vergegenwärtigen, um unsere Vorstellung von der Selbstbestimmung der Modelle zu korrigieren. Was im einzelnen Fall wie eine natürliche Körperhaltung wirkt, stellt sich als ein neues Vokabular dar. Nichtsdestoweniger ist der körpersprachliche Ausdruck von Schiele inszeniert und erfunden worden. Er wird vom Künstler dem Modell diktiert. Er ist nicht der natürliche Abdruck des Lebens.
Der hinter diesem Formalismus stehende hohe Abstraktionsgrad der Zeichnungen und Aquarelle wird jedoch angesichts der Individualisierung der Körper und Gesichter kaum wahrgenommen.
Klaus Albrecht Schröder (Autor und Hg.), Egon Schiele (Kat. Ausst., Albertina, Wien 2005/2006), München, Berlin, London, New York 2005, S. 110-112.
