Töpfe und Zitrone
Pablo Picasso
1907
Die Jahre von 1906 bis 1908 sind für Picasso eine Zeit des Umbruchs. Er beschäftigt sich mit der Kunst Subsahara-Afrikas und Ozeaniens und studiert ausgiebig die Werke Cézannes. Den Höhepunkt dieser Auseinandersetzung bildet sein Gemälde Les Demoiselles d’Avignon von 1907, das als Ausgangspunkt des Kubismus bezeichnet werden kann. Die Vorarbeiten ziehen sich über Monate und umfassen über 800 Studien. Dazu gehört auch dieses Stillleben oder vielmehr ein unter der Malschicht verborgener Kompositionsentwurf für das Meisterwerk. Röntgenaufnahmen zeigen eine Frauengruppe, von der im Stillleben rechts oben nur mehr Gesäß und Oberschenkel eines kauernden Rückenakts durchschimmern. In seiner radikalen Reduktion des Gegenständlichen auf einfache geometrische Formen basiert auch das Stillleben selbst auf dem in den Demoiselles neu entwickelten archaischen Stil und ist ein frühes Zeugnis für Picassos analytischen Kubismus.
For Picasso, the years from 1906 to 1908 meant a phase of transition. He explored Sub-Saharan African and Oceanian art and extensively studied the works of Cézanne. His preoccupation culminated in the painting Les Demoiselles d’Avignon from 1907, which can be considered the starting point of Cubism. The preliminary works occupied him several months and comprised more than 800 studies, including the present still life or, rather, the compositional design for the masterpiece that is hidden underneath the paint layers. X-ray photography has revealed a group of women of which only the buttocks and thighs of a crouching figure viewed from behind shine through the still life at the upper right corner. In its radical reduction of concrete objects to plain geometric forms, the still life itself is also based on the new archaic style developed for the Demoiselles and is an early example of Picasso’s Analytic Cubism.
Rahmenaußenmaß: 81,5 × 72,5 × 5 cm
Wohl schon in der Absicht, ein programmatisches Bild zu schaffen, begann Picasso Ende 1906 in Paris, wo er sich zwei Jahre zuvor niedergelassen hatte, an einer Komposition mit weiblichen Akten zu arbeiten, der er später den Titel Les demoiselles d'Avignon gab. Wegen der primitivistischen Formensprache und der radikalen Reduktion des Gegenständlichen auf geometrische und stereometrische Formen gilt sie als wahre Ikone des Kubismus. Im Grunde führt sie aber letztlich eine Thematik fort, die den Künstler schon früher beschäftigt hatte. Dargestellt ist ohne Zweifel eine Bordellszene: Die Rue d'Avignon am Fuße des Montmartre war eine stadtbekannte Adresse für käufliche Liebe.
Die Vorarbeiten zu diesem anspruchsvollen Werk müssen sich über acht Monate hingezogen haben. Dabei entstanden über 800 Skizzen und Studien, zu denen auch das vorliegende Stillleben gehört - oder besser: die kaum mehr sichtbare erste Malschicht, die sich unter diesem Stillleben verbirgt.1 Dreht man das Bild im Uhrzeigersinn um 90 Grad, so sind unten rechts selbst mit blossem Auge Beine und Hüfte einer kauernden Frau zu erkennen. Röntgenaufnahmen beweisen, dass diese Figur einst zu einer mehrfigurigen Komposition gehörte, die nichts anderes ist als eine mit grobem Pinsel ausgeführte Studie zu Les demoiselles d'Avignon. Dieselben Formen finden sich auf einer aquarellierten Bleistiftskizze wieder, die ebenfalls im Frühjahr 1907 entstanden sein muss und die sich heute im Besitz der Öffentlichen Kunstsammlung Basel befindet. Interessant ist, dass auf beiden Entwürfen außer den fünf Frauengestalten auch zwei junge Männer erscheinen. Während links außen ein Student der Medizin dargestellt ist, der einen Totenkopf in der Hand hält, sitzt inmitten der nackten Frauen ein Matrose.
Als die große Fassung von Les demoiselles d'Avignon im Sommer 1907 vollendet war und das umfangreiche Skizzenmaterial überflüssig wurde, übermalte Picasso die vorliegende Pinselstudie ganz einfach. Es entstand ein völlig neues Bild, das zwei Krüge und eine Zitrone auf einer Tischfläche darstellt. Gemalt wurde es wohl frühestens im Sommer, eher noch im Herbst 1907. Der Einfluss des neuen «kubistischen» Malstils, den Picasso im Hinblick auf Les demoiselles d'Avignon entwickelt hatte, ist jedenfalls auch hier noch klar zu erkennen. Insofern ist dieses Bild ein wichtiges frühes Zeugnis von Picassos analytischem Kubismus.
1 Entdeckt wurde diese ursprüngliche Malschicht 1994 bei den Vorbereitungen zu der Ausstellung Les demoiselles d'Avignon im Museum of Modern Art, New York, und im Musee Picasso, Paris. Die entsprechenden Röntgenaufnahmen befinden sich im Archiv der R. & H. Batliner Art Foundation, Vaduz.
